You suck and I’m a stupid woman

Ich verfluche den Tag, als du mir das erste Mal in die Augen sahst. Wir hatten ihn uns so oft ausgemalt, diesen Moment. Tausende Variationen sind wir durchgegangen. Eine schien uns unrealistischer als die andere, alle fühlten sich natürlich an. Wir hatten so eine Scheu. Was würden wir voneinander halten. Vier Monate hatten wir uns kennengelernt. Jeden Tag, jede Nacht, gefühlt uns die ganze Zeit über dieses kleine Telefon auf dem neuesten Stand gehalten, von der Vergangenheit erzählt, von der Zukunft geträumt. Was würde passieren, wenn wir uns sehen? “Du kannst mich ja mal anprobieren. Und dann schauen, ob du mich so schnell wieder ausziehen willst.”, sagte ich. “Wir können nicht verlieren. Wir mögen uns doch.”, erwidertest du. Und dann ist der Tag da. Der Zug fährt ein. Du steigst aus. Keine Ahnung, ob ich jemals so gezittert habe, ob mir mein Herz jemals fast so rausgesprungen wäre. Ich sehe dich nicht sofort. Ich spüre dich schon so lang. In diesem Augenblick kommt alles zusammen, was sich Leben nennt. Ich bin so ausgefüllt, ich platze fast. Und dann stehst du vor mir. Und wir sehen uns zum ersten Mal in die Augen. Und ich ignoriere das Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt. Und dann küsst du mich. Und alles und alles verselbstständigt sich und es ist echt und es ist so viel besser noch, als was ich mir vorher ausgemalt hatte. Und dann müssen wir aufhören, weil ich so zittere, das ist mir noch nie passiert. Und dann küsst du mich nochmal. Und nochmal und immer wieder, als wäre es das Normalste auf der Welt. Ab diesem Tag wirst du mir noch oft in die Augen schauen und ich werde jedes Mal merken, dass ich diesen Augen nicht standhalten kann. Und dann ein paar Monate später wirst du mir sagen, dass Verlieben für dich nie eine Option war und ich werde an diesen 1. November denken und an dieses mulmige Gefühl im Bauch, diesen stechenden Schmerz ganz nah am Herz, den ich an diesem Tag gespürt habe, als du mir zum ersten Mal in die Augen sahst.

Klitzekleine Aufregung

Der Handywecker klingelt viel zu früh. 05.55Uhr. In fünf Minuten wird eine andere Melodie einsetzen, in der Hoffnung kubanische Rhytmen bringen mehr als „one,two,three,four…“. Knirschend reibe ich die Augen und hebe den Kopf leicht nach links Richtung Spiegel. Autsch, der aufgekratzte Pickel auf der rechten Wange hat sich über Nacht zur offen klaffenden Wunde entpuppt. Ich möchte sterben. Immernoch im Bett liegend, dass so traurig nach A-Sexualität schreit, springen meine Gedanken zu dem lauten Piepen in der Nacht. Ich schiele auf das blinkende Handy und die Müdigkeit hält die klitzekleine Aufregung noch zurück. „Neue Nachricht von T“ Jetzt ist sie wirklich da, die Aufregung. Mein Herz schlägt. Tom. Ich will den Moment genießen, drücke langsam auf Lesen, zwing mich weg zu schauen (drei Sekunden in meinem Kopf „Bitte was Liebes, bitte was Nettes, bitte mehr ALS DREI WÖRTER!!!) „Oh J … Wie wäre es denn nur, wenn du mal hier wärst. Gut denke ich … ich warte, warte und warte. Du warst da, aber nicht gemeldet. Ich hoff du kommst wirklich am 25.8. Liebe liebe liebe und einen Tritt in den Arsch ……………………………… fick dich und küss mich!“ Das ist mehr, viel mehr, als ich gedacht hab. Mein erster Gedanke: Er war mal wieder unterwegs. Warum schreibt er mir sowas immer nur nachts. Meinen zweiten Gedanken gibt es nicht, da sich unmittelbar, sofort und unberechenbar eine riesengroße warme Welle auf mein Herz legt und dieses seelige Lächeln ins Gesicht zaubert. „When a man loves a woman“ schleicht sich in die Wellen und ich liege regungslos im Bett und lasse mich willenlos in den Tomsumpf ziehen. Dann siegen die kubanischen Rhythmen meines Handys, die von ganz weit weg immer lauter werden, ich springe auf, suche das Handtuch und wippe elektrisiert ins Bad. An diesem frühen Samstagmorgen, nach diesem ernüchternden Freitag-Allein-im-Bett-Abend kann mich weder der verdreckte Wannenrand, noch mein von irgendwem anderes halbgeleertes Duschgel abschrecken. Radio an – oh wow “The Rakkonteurs”, rein in die Dusche. Stehen meine Titten heute mehr?

Schnupfen

Allein zuhause. Krank. Ich vermisse sogar meine Mutti. Wann hab ich mich das letzte Mal so einsam gefühlt? Mit 12 auf dem Fensterbrett im Kinderzimmer im 3. Stock? Mit 15 mit dem Küchenmesser in der Hand? Mit 20, als ich an einem Sonntag allein und verzweifelt durch den Wald lief und meiner Freundin am Telefon berichtete, dass ich mich umbringen will, dann aber kacken musste und wusste nicht wohin, waren ja überall Familien unterwegs, also bin ich doch erstmal wieder nach Hause? Oder letztes Jahr, als ich jedes Mal, wenn ich auf dem Fahrrad saß und Berge runtergebracht bin, einfach loslassen wollte und es mich nicht gekratzt hätte, wenn mir jemand reingefahren wäre, einfach so, ganz schnell? Oder doch jetzt? Mit 26, krank im Bett, selbstständig, frisch getrennt, eigene Wohnung. Ich bin eigentlich ne ziemlich dufte Marke, glaub ich. Aber warum, warum tut das dann alles so weh?