Happy Birthday

Wenn wir beide mit 16 uns heute auf der Straße treffen würden, würden wir denken: Wow, die sehen unheimlich gut aus und voll selbstbewusst. Die wohnen bestimmt mit ihrem Freund zusammen in ner total schicken Wohnung irgendwo in der großen Stadt. Oder nee, vielleicht haben sie sich getrennt, weil das zwar zeitweise wirklich wundervoll war, aber c’mon das konnte doch nicht alles gewesen sein und jetzt machen sie voll ihr Ding. Man hey, die haben bestimmt gar keine Probleme so wie wir und bei denen läuft alles wie geschmiert. Die fahren irgendwo in Urlaub hin, wohin sie wollen, ohne, dass jemand meckert, machen ihren Master oder sich selbstständig, die eine da, die andere dort. Wow – hoffentlich wird sich bei uns auch alles so ergeben!

Familientreffen mit Hindernissen

Freitag Abend allein im Bett. Ich sehe diesen französischen Film von Julie Delphi. Eine große französische Familie trifft im Sommer zusammen. Alle laut, alles Querköpfe, alles durcheinander, Schläge, Essen, Regen, alte Omas, Schach-spielende Männer, meckernde Frauen.
Ich sehe diesen französischen Film und denke an die letzte Zeit. Das Jahr voller Arbeit und der großen Trennung. Überall nur ein Teil. Nirgendwo ein Ganzes. Und die letzten Tage bei der Familie mehr als desillusionierend.
Ich sehe diesen französischen Film und habe so unfassbar Angst. So einsam, wie ich mich seit einer Weile fühle, wie lang kann sowas gehen. Das Träumen von “dann”, wenn ich eine Gemeinschaft habe, meine eigene kleine Familie. Wann ist das. Es fühlt sich an, als würde täglich heiße Lava aus meinem Herzen fließen. Das Herz war so voller Lava, als ich vor zehn Jahren von Zuhause ausgezogen bin. “Bei mir wird alles anders laufen.” Das Herz ist so viel leerer geworden im letzten Jahr.
Ich sehe diesen französischen Film und denke an meine Familie, mit der ich all diese Sachen als Kind erlebt habe. 10 Enkel, die wöchentlich aufeinander treffen, Geburtstagsfeste im Garten mit der Hollywoodschaukel und dem großen Apfelbaum, nackig baden im See, Männer auf dem Fußballplatz, Frauen, die den Tisch decken, meine Cousine und ich, die sich auf der Wiese prügeln, die Kumpels von meinem Opa, die mit Bier bedient werden wollen, der Playboy-Kalender in der Garage, auf den wir heimlich mit Dartpfeilen zielen, das Luftgewehr, die Wiese, das Blumenbeet, der Tannenbaum vor der Tür, der immer größer wird, die Schlumperklamottenkiste für die Kinder zum Toben in der linken Tür neben der Garage, die Oma mit den langen dunklen Haaren, die Katzen, der Sandkasten, die klapprigen Fahrräder aus der Scheune, die Hühnersuppe, der alte Holzschlitten, der modrige Dachboden, die Kletterausflüge in der Sächsischen Schweiz, das Paddeln in der Wesnitz, das Rumstreunen im alten Pionierhaus, das Inlineskaten an der Elbe, die Bude im Hinterhof. Die Wiese, die Wiese, die Wiese.
Ich sehe diesen französischen Film und muss unfassbar weinen. Tausend Bilder von meiner Kindheit kommen mir in dem Kopf. Zu jedem Bild der Geruch, der Klang, die Farben, die Personen, die Erinnerung. Das Bild von meinem Schreibtisch im Kinderzimmer, auf dem ich überall kleine Notizen reingeritzt, unzählige Bilder gemalt, Geschichten aufgeschrieben, Kastanienfiguren gebastelt, Figuren geknetet, gefundene Dinge zusammengeklebt habe. Die Werbung von heute zeigt Kinder, die Bilder auf Ipads malen und ihren Eltern per Mail schicken. Mein 10 Jahre jüngerer Bruder hat seine Jugend auf Facebook verbracht. Ich verbringe den Freitagabend allein mit Laptop im Bett.
Ich sehe diesen französischen Film und habe so unendlich Panik, dass mir das Gefühl für das Leben da draußen entgleitet, dass mir nur die Sehnsucht danach bleibt und das Träumen vom “später”, vom “Wir”, wie es sein könnte, wenn es schon so wäre. Müde klappe ich den Laptop zu und schlafe ein und träume von Wiesen. Morgen werde ich mal wieder rausgehen.

Vollmond

Nach 14 Tagen auf der Insel ist es soweit. Und ich erlebe einen Traum. Fullmoonparty. Nach irrer durchtanzter Nacht sitzen wir ineinanderverschlungen beim Sonnenaufgang am Strand. Jack. Canadian Boy. Küsst mich. Küsst gut. Ich will wissen, wie es weitergeht. Später in seinem Hotel zieht er mich mit einem Selbstverständnis unter die Dusche, wie es sich jede Frau erträumt. Und in meinem Kopf? Tageslicht. Verschmierte Schminke. Licht. Ich bin mit keiner Sekunde auch nur bei ihm und diesem fantastischen Körper, der da vor mir steht. Ich bin nur bei mir. Und meinen Komplexen. Und verkrampfe, und verkrampfe, und verkrampfe. Wer erlebt schon, was ich erleben darf? Wo ist es hin das Gefühl von der Party, sie alle haben zu können. Die geilste Alte vom Strand zu sein. Während Jack noch alles versucht, dichte ich im Kopf ein paar Zeilen:

Verkrampfe nicht, genieße. Verheddere dich nicht in Gedanken, Liebe ist ein Spiel. Warte nicht und setze auf den Schritt von anderen, lehn dich zurück und sag, was du willst, wenn du es willst. Wünsch dir den Himmel und bekomme das Paradies. Wirf die Hände in die Luft, es geht voran.

Jack schafft es nicht, die Stimmung zu kippen. Ich glaube, nicht bereit zu sein, für das, was kommen könnte. Ich will nach Hause. Kann ich mir das entgehen lassen? Ich ziehe mich an, packe meine Sachen und verschwinde. Jack läuft mir hinterher. Begleitet mich zurück durch die engen Gassen vollgestopft mit den letzten Partywütigen, gibt mir einen letzten Kuss, den ich schon nicht mehr spüre, dreht sich nochmal um, ich bin schon längst die Treppen rauf.

Abschied

Du bringst mich dazu, selbstzerstörerisch zu sein. Dass ich mich verhalte wie eine Nutte. Du bekommst meinen Körper, meine Gefühle, meine Gedanken. Ich bekomme: deinen Schwanz. Irgendwann wenn du schläfst, werde ich ihn dir abschneiden. Und an einen da draußen weitergeben, der aufrichtig liebt und viel zu geben hat. Aber vorher werde ich ihn nochmal in den Mund nehmen. So schnell kann ich dann doch nicht Tschüß sagen, er und ich, wir haben uns schließlich sehr gemocht.