­Das Inseltaxi rast die schmale Küstenstraße entlang, vorbei an all den gefährlich engen Stellen, die wir die letzten Tage noch zu zweit auf dem Moped entlang düsten. Juli sitzt schweigend neben mir. Ich spüre ihren Groll auf zehn Meter Entfernung. Uns trennt nur ein halber. Dementsprechend ist die Stimmung. Eine Stunde zuvor, pünktlich um acht Uhr früh, rollte der Wagen auf dem Camp ein, während ich noch ganz zerstreut meinen letzten Kaffee auf der Insel hinunterschüttete. Der gepackte Rucksack stand neben mir, die Rechnung von neun Tagen Strandbungalow war beglichen, es konnte losgehen. Ich sah sie von weiten auf mich zulaufen. Verwirrte, durchnächtigte, leicht wütende Augen schauen mich an. „Hast du den Schlüssel? Du wolltest doch auf mich warten?!“ Sie sieht echt fertig aus in dem Moment und ich fühle mich kurz schlecht. „Ich dachte, du hast einen zweiten. Sorry, ich wollte schon los.“ Ich zeige mit der Hand zur Rezeption. Mit einem letzten Versuch der jungen Thai in diesen Tagen etwas zu erklären, macht sie mit Händen und Füßen deutlich, dass sie nochmal in den Bungalow muss, um ihre Sachen zu holen. Als sie losmarschiert, bekomme ich meine bestellten eingepackten Mangos, erkläre dem Taxifahrer, dass wir noch auf sie warten müssen und setze mich in den Wagen. Vor uns meine letzten 24 Stunden Thailand, hinter uns vier wundervolle Wochen und seit gestern der erste große Streit.

Zwei Freundinnen aus der Grundschule. Sie aus der Klasse A, ich aus der C. In der Schule wird sich nur gegrüßt, wirklich kennen wir uns aus dem wöchentlichen Religionsunterricht, zu dem mich meine Mutter angemeldet hat, weil Gott es schon richten wird und ihre, weil sie christlich erzogen werden sollte. Bis ich mit 12 feststellen werde, dass man für die Kommunion getauft sein muss und ich nach der Beichte-üben-Stunde nicht mehr kommen darf, werden wir einmal die Woche nebeneinander sitzen und zuhören, wie Jesus übers Wasser gelaufen ist und seine Jünger das letzte Abendmahl bereiteten. Jedes Mal nach der Stunde steht Julis Oma mit einem kleinen Geschenk für sie vor der Kirche, um sie abzuholen, während ich alleine den Rückweg antret. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, wie wir uns kennengelernt haben, aber unsere Freundschaft war schon immer speziell. Vielleicht weil sie in meinen Augen immer das behütete Einzelkind war, deren Mutter ihr mit 16 Gogotanzstunden bezahlt hat, während ich mit meiner Geige in die Musikschule laufen musste. Ich habe sie nie ganz nah an mich rangelassen. Und auf der anderen Seite näher als alle anderen.

Mit 15 besuchte ich sie, um gemeinsam sexy Bilder für meinen ersten Freund zu machen. Zwei Mädchen, die sich in Slowmotion vor der Kamera küssen. Mit Spängchen im Haar, leichter Wimperntusche und kleinen Brüsten. Nach dem Shooting schlafe ich bei ihr und sie wird die erste Frau sein, mit der ich nackt nebenander liege und ihre Brüste streichel, während sie mit ihrer Hand immer weiter runter an mir wandert. Mein erstes Mal mit einer Frau, in ihrem großen Einzelkind-Obergeschoss-Doppelzimmer mit Pferdepostern an der Wand und Dildos im Nachtischschrank. Das ist Juli.

Jahre später werde ich mit ihr zum ersten Mal ins KitKat gehen und nochmal Jahre später sie zum ersten Mal auf eine Sadomaso-Silvester-Party wie aus „Eyes Wide Shut“ begleiten. Und nochmal Jahre später werden wir zusammen mit Eisesmiene in diesem Taxi auf Koh Chang sitzen und uns zum Hafen fahren lassen, um zurück nach Bangkok zu kommen, um meine letzten Stunden dieser großen ersten Asienreise einzuleiten. Das sind so einige erste Male.

Die Juli, die jetzt neben mir sitzt, ist kein verwöhntes Einzelkind, das haben die letzten Wochen gezeigt. Also warum verdammt macht sie jetzt nicht den ersten Schritt, ich meine, es sind meine letzten Stunden hier, das kann doch nicht in ihrem Sinn sein, dass unser gemeinsamer Trip so enden soll?!

Wenn ich was gelernt habe in den letzten Wochen, dann das man für sein Glück selbstverantwortlich ist. Das alles möglich ist, wenn man es nur angeht. Das Erwartungen krank machen und selbst aktiv werden glücklich. Die typischen Traveller-Erkenntnisse. Jetzt zollen sie ihren Tribut. Eine gute Zeit zusammen haben kann man mit vielen. Was eine wahre Freundschaft ausmacht, zeigt sich in Stress-Situationen. Also spreche ich sie im vollen Taxi auf der Rückbank an. Und wir fallen in eine lautstarke, schmerzvolle Diskussion und lassen ohne uns einmal anzuschauen alles raus. Scheiß drauf, was die acht anderen Insassen davon halten. Als wir eine halbe Stunde später am Hafen aussteigen, ist das Gröbste ausgesprochen. Es hat Kraft gekostet, wir setzen uns auf eine Treppe und spüren beide, dass es noch nicht geklärt ist. Juli steht auf, ich blicke mich nicht nach ihr um und denke nur, soll sie doch gehen. Zwei Minuten später setzt sie sich wieder neben mich, mit zwei Eisbechern in der Hand. „Hier, ich hab dich doch lieb, jetzt komm doch mal her.“ Wir fallen uns in die Arme. Wir sind also doch beide aufeinander zugegangen, jede auf ihre Art. Den ersten Schritt zu machen, wenn man nicht ständig in Streit leben will, was ich zu Hause gelernt hab und anderen Menschen durch kleine Gesten eine Freude machen, wie sie es von ihrer Oma gelernt hat. Wir steigen auf die Fähre, es kann weitergehen.

Auf dem Boot erfahre ich, was in ihren letzten Stunden passiert ist. Zusammen mit meiner Version der Geschichte erklärt sich, wie wir so aneinander krachen konnten. Vier Wochen zuvor hatte ich sie am Flughafen Bangkok abgeholt. Mein Thema seitdem war Adam aus Toronto, später Josh aus Vancoucer, nochmal später Christopher Allan aus Melbourne und wie sie noch alle hießen. Ihr Thema war die Doktorarbeit, die sie in Deutschland gerade abgegeben hatte und jetzt seit vier Tagen Khi, der Bamboo-Tätowierer von Koh Chang. Bei meinen Typen war sie eine gute Zuhörerin, bei Khi war ich bisher keine. Wir lernten ihn an einem Montag kennen, er saß vor seinem Tattoo-Studio und winkte uns zu. Stunden später ziert ein spontanes Strichmännchen-Geschwister-Tattoo meinen linken Fuß und ein geheimes an einer geheimen Stelle ihren Körper. Der geheimnisvolle, zugedröhnte Typ aus einem kleinen Bergdorf im Norden Thailands machte mächtig Eindruck bei ihr. Sie wollte ihn wiedersehen und wir verabredeten uns für den nächsten Abend. In dieser Zeit war ich schon menthal bei meinen letzten Stunden und fühlte alles als letzten Moment meines Trips. Rückfahrt-Nostalgie. Das Gefühl gerade jetzt erst richtig reingekommen zu sein, wo es schon wieder nach Hause geht. Als sie mit ihm am nächsten Abend loszog und ich allein im Club blieb und den Einheimischen die Shakira-Show gab, vergaß ich, dass ich zwei Abende zuvor mit einem Kanadier abgedüst und sie allein mit zwei Holländern zurückgelassen hatte und wurde ein bisschen sauer. Das Ganze verschärfte sich, als Khi sie am nächsten Tag im Camp überraschte und sie sich einen eigenen Bungalow mieteten. Wie konnte sie nur! Während ich nachmittags die Sachen packte, hörte ich sie nebenan stöhnen. Ich ging allein an den Strand, schrieb in mein Reisetagebuch, schloss Frieden, traf mich mit den anderen vom Camp zum Essen und Weintrinken und ging leicht aufgewühlt, aber friedlich schlafen, um sie am nächsten Morgen kurz vor der Abfahrt wiederzusehen. In diesen Stunden hatte sie die wildeste Sex- und Drogennacht und wünschte sich am nächsten Tag eine Freundin, mit der sie sich darüber austauschen kann und nicht eine, die schmollt.

Nachdem wir das Eis gegessen haben und uns auf der Fähre einen Platz in der Sonne gesucht haben, hat sie die auch wieder und erzählt. Wir liegen uns in den Armen, sie noch völlig im Rausch, ich wieder im Gleichgewicht und es geht zurück nach Bangkok.