Parkgedanken

Mittwoch, 14 Uhr, Battersea Park. Ich sitze auf einer Bank und blicke auf den Teich und auf die Enten. Die Sonne glitzert im Wasser und man könnte es den ersten schönen Frühlingstag nennen. Seit heute auf den Tag bin ich vier Wochen hier. Ich blicke an mir runter. Und sehe Turnschuhe, eine schwarze Jogginghose und eine Fleecejacke. Ins Gesicht kann ich mir gottseidank nicht schauen, da würde ich die weiße Herpescreme um den Mund herum sehen, die mich seit gestern schmückt. Mein Blick wandert nach rechts. Drei Über-50-Jährige mit Hund sitzen gemütlich mit drei Kaffeebechern am Tisch und erzählen sich Geschichten. Sie sehen zufrieden aus. Mein Blick wandert nach links. Eine junge Mutter, Anfang 30, sitzt mit ihrem Kinderwagen da und tippt panisch in ihr Handy. Sie sieht verzweifelt aus. Zu wem von beiden soll ich gehen und fragen, ob sie meine neuen Freunde werden wollen? Ich bleibe sitzen und schaue auf den Teich – in der Hoffnung, dass sich das Wasser öffnet und eine unheimlich liebe, alte, weise Frau sich daraus erhebt, mir die Hände auf die Schultern legt und sagt, dass alles gut wird.

Ein Monat zurück, vor einer gefühlte Ewigkeit, ein Tag vor Silvester beim Kofferpacken und Freunde verabschieden, hätte ich jede Wette unterschrieben, dass ich Wochen später, an einem Tag wie heute, gerade von einem fancy Lunch mit Kollegen kommen würde, irgendwo auf der Oxford Street, im Kopf schon den voll geplanten Abend – ich meine Leute, es wäre London Fashionweek und ich meine Leute, ich würde für die Vogue arbeiten. Wenn ich an so einem Mittwoch an mir runterblicken würde, wären da keine Turnschuhe, sondern schwarze Strumpfhosen, ein royalblaues Chanel und goldene Jimmy Choos. Dass ich Extensions hätte, wüsste keiner meiner Kollegen. Auch dass ich vor ein paar Wochen noch nen BMI von 26 hatte, könnte hier niemand glauben, denn in den ersten zwei Wochen in London hätte ich natürlich direkt 10 Kilo abgenommen. Fließend Englisch hätte ich in dieser kurzen Zeit natürlich auch gelernt, wäre ich auch stolz drauf, schon sehr geil von mir. Am tollsten fände ich natürlich meine zahlreichen neuen Freunde, die ich in der kurzen Zeit gesammelt hätte, alle ganz schicki und international, ging auch ganz schnell und sind immer für mich da. Bei all dem geilen Scheiß darf ich natürlich nicht die spektakuläre Wohnung vergessen, die Adrian und ich sofort gefunden hätten. Viktorianisches Haus, weißes Parkett, Badewanne und Dusche, logisch, eigener Garten. Es könnte nicht schöner sein!

Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne. Immer noch auf der Bank im Park sitzend, beame ich mich zurück von meiner Erwartungshaltung an London von Ende Dezember zu heute morgen im Starbucks. Ich hatte gerade den Termin für meine Extensions bestätigt und war ein bisschen genervt, wollte ich ja eigentlich schon viel eher machen. Und überhaupt, warum fraß ich eigentlich schon wieder Kuchen, ich wollte doch abnehmen, davon sah man schon seit Tagen nichts mehr. Und was war eigentlich aus den Bewerbungen geworden – bei der Vogue hatte bisher noch kein Schwein von mir gehört. Am meisten nervten mich aber meine Freundinnen, wenn eine von denen auswandern würde, würde ich täglich anrufen, mindestens wöchentliche Telefonkonferenzen mit allen organisieren und überhaupt, warum waren die noch nicht hier, ich hab hier verdammt nochmal niemanden. Und was sollten Adrian und ich mit der Bude machen, die wir gefunden hatten. Sie war traumhaft, aber woher sollte ich wissen, ob ich ab April 2000 Pfund im Monat verdiene, wenn mir seit Tagen nur nach schlafen war. Ich fühlte mich wie Carrie aus Sex and the City mit dem Russen in Paris in der 8. Staffel. Nur eben nicht in Paris, sondern im scheiß nassen London. Und eben nicht in kleinen fancy Cafés oder bei Dior, sondern abwechselnd bei Starbucks und im TK Maxx. Ich knüllte das Muffinpapier zusammen, zog meine Jacke an und ging aufs Klo, um auf einen Streifen zu pinkeln.

Ein paar Stunden später sitze ich nun hier auf dieser Bank im Park. Die Sonne kommt wieder raus, der Teich hat sich immer noch nicht geöffnet, aber als die junge Frau mit Kinderwagen von links aufsteht und geht, wirft sie mir ein Lächeln zu. Und ich blicke ihr mit meinem neuen verwirrten, schwangeren Blick hinterher. Leicht fragend, aber mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

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