Wer kann es mir in diesem Leben eigentlich Recht machen. Frage ich mich, zum wiederholten Male, in diesem Leben. Als ich mit 17 mit Mucki im Keller Kassetten aufnehme und Wodka Cola trinke, denke ich, das wahre Leben beginnt erst, wenn wir über 18, frei sind und in Berlin wohnen. Als ich ein Jahr später arbeitslos und verkatert in Hauptstädter WGs abhänge, bin ich felsenfest davon überzeugt, dass mein Leben erst lebenswert werden kann, wenn ich so weit weg wie möglich weg von Berlin gehe und studiere. Als ich mich von 20 bis 24 dann in Stuttgart durch einen Wirtschaftsstudiengang quäle, mit dessem Abschluss ich nur meine Mutter davon überzeugen will, dass ich bodenständig sein kann, wird mir ersichtlich: richtig ankommen werde ich erst nach der Hochzeit. Als mein Freund mir nach Jahren Beziehung noch keinen Antrag macht, weiß ich: ich kann nur Schluss machen und das Glück nicht in der Liebe, sondern durch Selbverwirklichung finden. Als ich mit Herz und Leidenschaft im kleinen Team auf engstem Raum ein Magazin hochziehe und wir erkennbar durch null Kohle und Bock zu Überstunden Unabhängigkeit pur feiern, muss ich spätabends ausgelaugt in meiner neuen Singlewohnung feststellen, dass ich erst zufrieden werden kann, wenn ich die Welt bereise. Als ich mich ein paar Monate später auf Entdeckungsreise durch Südostasien befinde, wird mir klar, dass ich nur happy werde, wenn ich es schaffe, die ganzen geilen Dinge, die Spaß machen im Leben, wie barfuß am Strand tanzen, Eiskaffee trinken, mit nem alten Moped über fremde Inseln fahren und mit internationalen Männern schlafen, nach der Reise in meinen Alltag zu integrieren. Als ich in meiner Heimatstadt zurück die Tage langsam angehe, Geld ausgebe, das ich nicht habe, dafür thailändische Massagen, wöchentliche Wellnesstermine, Dinner mit Freunden, Kurzreisen bekomme und alle meine Bekannten mit meinem neuen Carpe-Diem-Lebensgefühl nerve, merke sehr schnell: wirklich im Reinen mit mir selbst werde ich nur sein, wenn ich wieder arbeite. Als ich kurz darauf ein Jobangebot mit 40-Stundenwoche und festen Pausenzeiten annehme und parallel die letzte Begegnung aus Bangkok regelmäßig bei mir zu empfangen oder ihn abwechselnd in London zu besuchen beginne, wird mir nach einem halben Jahr klar, wirklich glücklich kann ich nun wirklich nur werden, wenn der richtige Mann am selben Ort ist. Als ich dann die spontanste Entscheidung meines Lebens treffe, Job und Wohnung kündige und zu meinem Freund ziehe, in der neuen Stadt ankomme und merke, dass von jetzt auf gleich Anstellung, Freunde, Zuhause hinter sich zu lassen, ein riesiges Loch hinterlässt, denke ich, wirklich glücklich und zufrieden kann ich nur werden, wenn … Und so weiter, und so weiter, und so weiter.
Aber Gottseidank sind wir in den ersten 14 Tagen nach meinem Ankommen so verknallt, dass ich nicht merke, was mir fehlt und wir zufällig ein neues Leben zeugen, was sich ein paar Wochen später in Form von Morgenübelkeit und Schlafanfällen bemerkbar macht. Achso, jetzt wird mir alles klar – ein Kind – das war’s, was fehlte! Das wird es richten!