Mir geht es gut! Ich bin in einer Kleinstadt bei Dresden aufgewachsen, habe mit 18 Abitur gemacht, bin zum Studieren nach Stuttgart gezogen, meine Eltern haben mir die Miete, das Bafögamt mein Essen und mein 400-€-Job das Feiern finanziert. Das Auslandsbafög hat mir ein halbes Jahr Barcelona ermöglicht, der Gründungszuschuss nach dem Studium die ersten 1,5 Jahre meiner Selbstständigkeit. Weil das irgendwann nicht mehr rentabel war, ging ich für zwei Monate nach Asien und bekam im Anschluss zurück in Dresden eine gute Stelle. Und dann kam mich der Mann aus England, den ich am letzten Tag meiner Reise kennengelernt hatte, besuchen. Und dann besuchte ich ihn und dann er wieder mich. Und nach einem Jahr kündigte ich meinen sicheren Job, verscherbelte mein Hab und Gut, packte den Koffer und buchte das One-Way-Ticket nach London. Und schickte vorher meinen Eltern noch den Google-Link, dass jeder EU-Bürger in England kostenlos den Gesundheitsservice nutzen kann. Uns geht es viel zu gut!

Ich glaube, ich wäre meinem Freund aus lauter Liebe auch nach Ghana gefolgt, dem Land aus dem seine Eltern kommen und dass sie vor 30 Jahren verlassen haben, um in England ein besseres Leben zu finden. Sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“, wegen denen Menschen aus meiner Heimat nun auf die Straße gehen, um gegen ihre Ankunft milde gesagt zu „protestieren“, viel mehr gegenüber denen sie öffentlich ihren Hass ausrichten. Die Entscheidung, dass ich zu ihm und nicht er zu mir kommt, fällt leicht. Ich will auf der Straße nicht schon aus zwanzig Meter Entfernung angestarrt werden, nur weil die eine Hand von zwei Händen, die sich halten, dunkler als die andere ist. Ich will nicht, dass mein Bruder sich Gedanken darüber machen muss, seinen fußballbegeisterten Schwager mit ins Stadion zu nehmen, weil er nicht abschätzen kann, wieviele rassistische Kommentare fallen werden. Ich will nicht jedes Mal froh sein müssen, dass wir bei einem Ausflug in die Sächsische Schweiz mal ausnahmsweise keine bösen Blicke bekommen. Ich kann dem nicht standhalten, ich bin da zu sensibel für und habe keine Geduld zu warten, bis ich mich in Dresden als Paar unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe wohl fühle, wenn es sich zeitgleich in Städten wie Berlin, Hamburg oder London als das Natürlichste der Welt anfühlt.

So stand ich Anfang des Jahres nach dem Abschied von meiner besten Freundin und unserer 70-Quadratmeter-wunderschönen-Altbauwohnung mit meinem Koffer im 8-Quadratmeter-Zimmer meines Freundes im Haus seiner Mutter – in London kann man sich mit 29 keine eigene Wohnung leisten. Ich war jetzt arbeitslos und durch die Abmeldung von Deutschland hatte ich auch kein Recht mehr, irgendwelche Leistungen in Anspruch zu nehmen. Ich war ein Luxusflüchtling! Ich hatte mich aus persönlichen Gründen gegen das Sicherheitspaket entschieden und bin abgehauen. Und würde es immer wieder tun. Und wage zu behaupten, dass alle, die ich kenne, es genauso machen würden, wenn sie ihr persönliches Glück nicht schon in Deutschland gefunden hätten. Vielleicht würden sie mit mehr Planung und Absicherung an die Sache rangehen, aber wenn etwas, das ihr Leben besser machen würde, auf sie im Ausland wartet, wären sie genauso weg.

Als ich auf dem Flohmarkt an den Elbwiesen meine Sachen verkaufe, höre ich nebenan ein Gespräch: „Guck dich mal um hier, alles voller Kanacken, aber klar, solche Märkte mögen die, da sieht es aus wie bei denen Zuhause. Die sollen sich verpissen, wir können nicht jeden retten.“ Ich fühle mich in meiner Entscheidung bestärkt. In einer Stadt, wo so etwas laut gesagt wird, kann ich nicht leben und ich gebe meinen Posten auf. Und hoffe ganz doll, dass jemand, der sein Land verlassen hat, um in Deutschland ein besseres Leben zu bekommen, meinen Platz bekommt. Dieser Jemand wird zu 99,99% triftigere, an die Existenz-gehende Gründe für sein Weggehen und einen um sovieles beschwerlicheren Weg haben. Dass er diese Chance verdient hat, werden die Menschen, die der Grund für meine Flucht waren, hoffentlich eines Tages verstehen.