Das erste Treffen der Teilnehmerinnen vom ‚Geburtsvorbereitungskurs für das zweite Kind‘. Ich habe diesen Kurs aus zweierlei Gründen gebucht: um mir nach dem Notkaiserschnitt der tragischen ersten Geburt diesmal Hoffnung auf eine natürliche Geburt zu machen (rausgeschmissenes Geld, es wurde wieder einer) und, um mir neue Mami-Freunde einzukaufen. Damit wir in ein paar Wochen alle gemeinsam mit Baby in der Trage unseren Kleinkindern hinterherrennen und stundenlang über Haushalt und Männer reden oder zum Babyschwimmen gehen oder irgendwelche anderen bekloppten Sachen machen, für die niemand von uns Zeit haben wird.

Seit Wochen stand der Termin auf dem Plan und es hätte sonst was kommen können, ich hätte meinen Erstgeborenen auch mit 40 Grad Fieber in den Wagen gepackt und wäre wie eine Irre los gestiefelt. Denn: Ich bin seit geraumer Zeit verzweifelt. Verzweifelt auf der Suche nach Leidensgenossinnen, um dieses von mir selbst gewählte bevorstehende Abenteuer ‚Zwei Kinder unter zwei Jahren‘ zu teilen. Auf dem Weg zum Kurs frage ich mich, ob man mir die Verzweiflung eigentlich ansieht, die auf dem Spielplatz gucken in letzter Zeit so komisch. Vielleicht habe ich das Telefon öfter wirklich zu früh rausgeholt, um eine neue Nummer zu speichern und drei Sätze Wortwechsel mit der potenziellen neuen Bekanntschaft waren nicht genug. Ich meine, wir haben immerhin beide ’ne fette Kugel vorn dran und ’nen Schreihals vor uns, das muss doch ausreichen, um deine Nummer zu bekommen, du blöde Kuh oder nicht?!! Beim Feiern weiß man doch auch gleich, ob man wen ficken will oder nicht, da braucht man sich doch auch nicht vorher zwei Stunden hinzusetzen, um über Beruf, Wertesysteme oder den Gemütszustand zu reden, da reicht ein kurzer Blick und man weiß Bescheid.


In England verbringen bei den horrenden Kitapreisen die meisten Frauen die ersten drei Jahre der Kinder daheim und mit anderen Müttern in Playgroups, verdammt nochmal, da muss man doch zusammen halten oder nicht. Aber irgendwie will es nicht klappen. Ich fühle mich wie die letzte Eule im Club, die keiner bumsen will und selbst die Besoffenen drum herum einen Bogen machen. Oder die Letzte in der Reihe in der Schule beim Sport, die keiner wählt. Nein, so geht es mir nicht, denn ich weiß nicht, wie sich das anfühlt, ich war in einem früheren Leben mal sportlich und heiß.

Statt nach einem Tag auf dem Spielplatz wieder frustriert ohne neue Nummer den Heimweg anzutreten, gehe ich es diesmal an und werde meine neuen besten Freundinnen heute in diesem Kurs finden. Beim ersten Kind hatte ich keinen besucht und das seitdem jedes Mal, wenn ich eine gemeinsam durch den Park joggende Meute voller Buggys gesehen habe, bereut. Also laufe ich aufgeregt wie beim ersten Date mit Make-up und geföhntem Haar mit Kinderwagen und Riesenbauch (36. Schwangerschaftswoche) über eine Stunde nach Putney. “Ich bin eine wunderschöne, intelligente, lustige, schlaue Frau und eine tolle Bereicherung für jede Mutter. Ich bin eine wunderschöne, intelligente, lustige, schlaue Frau und eine tolle Bereicherung … ”

Wir sitzen zu acht am Tisch. Sechs Hochschwangere, die Frau, die das Ganze leitet und ein knapp Zweijähriger. Ratet mal, wer die Einzige ist, die ihren Sohn mitgebracht hat, weil sie sich keine Nanny leisten kann? Nach fünf Minuten stelle ich entgeistert fest, dass ich sehr froh bin, dass er dabei ist und ich mich lieber mit ihm unterhalte als mit diesen Uschis. Eine langweiliger als die andere und das Gespräch der größte Krampf. Jetzt weiß ich, warum die den Kurs gebucht haben, die haben da draußen definitiv auch niemanden. Ich bin so angeödet, dass ich mir nicht mal etwas bestellen will. Nach weiteren zwanzig Minuten im Café steht fest: Die Chance, dass sich mit irgendeiner Tante von denen eine Freundschaft entwickelt, ist gleich Null. Zumindest hab ich für dieses Treffen keinen Cent bezahlt. Ich kann mich allerdings an kein Treffen in der Vergangenheit erinnern, in dem das im Nachhinein das Highlight war. Ich glaube, ein zweites Date mit denen könnte ich trotz meines Dranges nach einem Gruppengefühl nicht überstehen.

Auf dem Heimweg überlege ich, ob das Problem an meiner negativen Grundeinstellung oder an meiner Recherche liegt. Ich meine, ‚Geburtsvorbereitungskurs für das zweite Kind‘ – das sind Frauen, die, wie ich ein zweites Kind erwarten. Die haben also auch eins zuhause, das nerven kann und jetzt wieder den fetten Bauch dran, der noch mehr nerven kann. Die MÜSSEN mich verstehen und wir dadurch beste Freunde werden. Müssen sie nicht. Und ich fange an, zu erahnen, dass Muttersein vielleicht das Fundament einer funktionierenden Freundschaft sein kann, aber ganz sicher nicht sein muss. Um meine neuen Bitches zu finden, braucht es für mich scheinbar mehr. Vielleicht braucht es eine Bar und ein Glas Gin Tonic in der Hand. Zumindest brauche ich das gefühlt gerade, um mich als mich selbst zu fühlen, damit meine irgendwo unter den tiefen Augenringen glitzernde Persönlichkeit den Rest für mich übernehmen kann. So oder so, mit den falschen Frauen, von deren Input ich nichts habe, werde ich ganz sichere keine Mummy-Whatsappgruppe gründen.

Ein paar Wochen später. Das Baby ist da. Und das Problem hat sich in Luft aufgelöst. Ich bin Mutter von einem Kleinkind und einem Neugeborenen. Und ich habe null Zeit für Freunde. Nicht für die eine, die ich hier habe. Nicht für die aus Deutschland am Telefon. Und ganz sicher nicht für potenzielle Neue. Was für ein Wirbel um Nichts!