Es ist 7.30 Sonntagmorgen und ich habe mich aus dem kleinen Doppelbett im Haus meiner Schwiegermutter geschlichen, um im Wohnzimmer noch eine Stunde für mich zu haben, bevor die drei Männer, mit denen ich die Nacht verbracht habe, den Tag beginnen.
Die Chance, dass ich in spätestens zehn Minuten jemanden leise grunzend vor sich hinröcheln hören werde, der in Seestern-Position darauf wartet, von mir hoch und an meine Brust genommen zu werden, beträgt 95 Prozent. Während ich das tun und dabei so leise wie möglich versuchen werde, die anderen nicht aufzuwecken, wird sich der zweite, etwas größere Räuber aus dem Bett erheben und den Tag mit dem Befehl „Mummy Cuddle!“ beginnen. Eine der drei Gurken wird liegenbleiben und zumindest bis ich mit den beiden anderen den Raum verlassen habe, keinen Mucks von sich geben. Es ist das braveste meiner Kinder, das, was am längsten schläft und abends von allein einschläft – mein Mann.

Es ist 7. 45 Uhr und statt mir heißes Wasser aufzukochen und Yoga zu machen, wie ich es mir jeden Abend für den nächsten Morgen vornehme, sitze ich zerknautscht wie eine alte Zwiebel als erste Amtshandlung mit dem Laptop auf dem Sofa und frage mich, wer eigentlich diese Frau ist, die ihren Mann ihr Kind nennt (persönlicher Albtraum Nr. 1), die, wenn sie an sich runter guckt, einen schlechtsitzenden rosafarbenen Plüschmantel, unrasierte Beine und unpedikürte Füße sieht (persönlicher Albtraum Nr. 2) und die den Tag damit beginnt, Artikel über erfolgreiche Menschen zu lesen und deren Instagram-Profile zu stalken, statt sich um sich selbst zu kümmern und mal wieder die Haare zu waschen oder Zähne zu putzen oder eines der anderen Dinge zu erledigen, die erfolgreiche Menschen bestimmt noch vor dem Morgengruß machen.

Es ist 8.00 Uhr und aus dem Zimmer kommt noch kein Mucks, dafür sitzt meine ghanesische Schwiegermutter in ihrem Sessel, in der Hand eine Tasse kochendes Wasser und den Blick auf die Bibelsendung im Fernsehen. Sie sieht zufrieden aus. Ich stelle mir vor, wie es generell nur zwei Typen Frauen gibt: die, die direkt am Laptop sitzen und sich immer wieder vornehmen, den Tag stattdessen mit heißem Wasser und Yoga zu beginnen. Und die, die aufstehen, sich heißes Wasser kochen und erstmal hinsetzen und fernsehen gucken.
Während dieser Gedanken tue ich mir selbst unheimlich leid, dass ich zu der Sorte gehöre, die nicht macht, was sie „eigentlich“ will und deren Leben scheinbar eine ständige Optimierungsmöglichkeit bietet. Ja, genau, warum bin ich nicht zufrieden damit, dass wir mit 32 Jahren unsere Wohnung aufgegeben und unser Hab und Gut in Kisten verpackt gelagert haben, um seit Wochen abwechselnd bei unseren Müttern zu wohnen und mit Baby und Kleinkind von London nach Deutschland hin und her traveln wie Bekloppte. Mit dem Wunsch im Gepäck, sich in Deutschland zu bewerben und ein neues Zuhause aufzubauen, um den horrenden Betreuungs- und Mietpreisen von UK zu entfliehen, damit die zwei Räuber in den Kindergarten und ich wieder ins Büro marschieren kann, um mich dadurch mehr als Frau als nur als Mutter zu fühlen. Wenn ich mir bei solchen Äußerungen selbst zuhöre und anderen von unserem Vorhaben erzähle („Wir versuchen es halt 100 Prozent, daher die Wohnungsaufgabe, wenn wir dageblieben wären und wir uns von dort aus beworben hätten, wäre nie was passiert“), wird mir manchmal schlecht. Ja klar, ich meine, mit nem 6-Monate altem Baby und nem 2.5-Jährigen hat man ja nicht schon genug zu tun.
Früher habe ich für meine eigenartigen Vorhaben (allein ein Magazin gründen, zur Liebe nach London ziehen) von meinem Umfeld Erstaunen aber auch Begeisterung bekommen. Da meine Vorhaben aber scheinbar abstruser werden und ich statt Euphorie in den Blicken meiner Freunde manchmal Ratlosigkeit vermute („Ist sie also immer noch nicht angekommen, wie machen die das mit den Kindern, er muss aber auch viel mitmachen“), behalte ich das aktuelle Lebensumkremplungsprojekt lieber größtenteils für mich.

Es ist 8.36 Uhr und die Tür geht auf und mein Mann kommt mit dem Baby rein und fragt „Can I handle him someone over?“. In zwei Minuten wird der Toddler hinterherkommen und ich werde ungewaschen und ohne heißes Wasser getrunken zu haben, den Text hier unterbrechen und meinen Tag beginnen. Ich werde kurz an des Leben vor meinen Kindern denken, ich dem ich mich wie eine Mischung aus Uschi Obermaier und Beyonce aus Pirna gefühlt habe, deren Alltag aus Redaktion, Einladungen zu Vorträgen und monatlichen Kurztrips bestand und es wird mir so vorkommen, als wäre es die beste Zeit meines Lebens gewesen. Doch dann werde ich mich wieder an all die Gedanken und Zweifel erinnern, ob ich jemals einen Mann finden werde, den ich nach vier Jahren Beziehung immer noch heiß finde und der mich in schweren Momenten zum lachen bringt und ob ich jemals wunderschöne Kinder haben und die Mutter sein werde, die ich so gern sein will. Und wenn das beides eintreffen sollte, dann wird mein Leben bestimmt perfekt sein.

Das Leben ist, wie man es sich dreht und oft bekommt man, was man sich gewünscht hat, ohne es zu bemerken. Als ich vor fünf Jahren wochenlang als Single durch Thailand gestiefelt bin, stand auf meinem Wunschzettel, den ich am Strand sitzend geschrieben und mit guten Wünschen ins Meer rausgeschickt habe, nicht: „Vollzeit-Kindergartenplätze für meine Söhne, eine gut bezahlbare 3-Raumwohnung mit maximalem Arbeitsweg auf dem Rad von 30 Minuten, Freunde mit gleichaltrigen Kindern für spontane BBQs am Wochenende und Babysitten in der Woche.“ Nein, statt einer Liste, ging damals eine Zeichnung auf See. Ein Mann und eine Frau, Hand in Hand, drei Kinder.

Wenn ich heute allein in den Spiegel schaue, sehe ich eine Frau, die mir oft fremd ist und die sich selten sexy und oft alt fühlt. Doch wenn ich morgens in das Bett schaue mit den drei Männern drin, spüre ich, dass mein Herz voll und drin all die Liebe ist, die ich mir immer für mich gewünscht habe.
Und der Rest sind Rahmenbedingungen und keine Herzenswünsche und scheiße werden wir stolz auf uns sein, dass wir nicht in Central London geblieben sind, was nur Sinn macht, wenn man reich, Single oder 25 ist, sondern für unsere Jungs „was besseres“ wollten und es angegangen sind, auch wenn das erstmal hart war.