Ab jetzt ohne Rausziehen?

Unser Sohn ist letzte Woche ein Jahr alt geworden und mein Freund will am liebsten drei oder vier von der Sorte. Wir könnten ab jetzt also mit „Ohne-Rausziehen“ loslegen und ein zweites Kind machen. Aber irgendwas hindert mich daran. Was ist los, wenn das Herz (und die Hormone) bereit sind für Fortpflanzung Teil 2, aber der Kopf sich quer stellt? Was sind die Gründe? Wann sind wir wieder bereit? Zeit für einen Realitycheck.

Ich habe immer gedacht, wir sind dieses eine Paar, dem das nie passiert: langweiliger Sex. Unser Liebesleben ist zwar noch ab und an existent, aber all das, was es vor dem Kind war – wild, spontan, lang, laut, hell, gleich nochmal – ist es nicht mehr. Als vor zwei Jahren während einer der täglich stattfindenden zahlreichen leidenschaftlichen Ineinander-Verrenkungen unser Sohn entstand, konnten wir der Ärztin danach kein Empfängnisdatum nennen. Jetzt, wo wir über ein zweites Kind nachdenken, habe ich die fruchtbaren Tage genau im Blick und weiß oft schon, wenn ich ins Wohnzimmer komme, dass ich mich nicht wie früher auf ihn drauf setzen werde, sondern Westworld den Vortritt lasse und damit diesen Zyklus wieder nichts passieren wird.

Und dabei war ich im Vergleich mit anderen Muttifreundinnen immer so stolz darauf, wieviel Bock wir noch aufeinander haben. Dass es einfach ist zwischen uns, was Sex betrifft, dass es oft passiert und dass ich dabei sterben könnte, so schön und geil und lebendig wie ich mich dabei fühle. Ich dachte, wenn sich zwei im Urlaub kennenlernen und danach so oft es geht zwischen England und Deutschland hin-und-herfliegen, um das komplette Wochenende miteinander im Bett zu verbringen, dass solche den guten Sex für immer haben. Oder nicht?

Und jetzt ist er da – mein persönlicher Albtraum – und mein Freund kann sich freuen, wenn ich mir die Beine rasiert habe. Dass ich mal Strapse getragen habe, scheint wie ein anderes Leben. Mehr als zwei Stellungswechsel oder eine zweite Nummer hinterher ein anderes Universum. Das sind doch nicht wir, die zwei, die am Abendbrottisch – der Fußboden voller Essensreste, die der Einjährige genüsslich runterschmeißt – sich kurz zwischen dem Einräumen des Geschirrspülers und dem Erstellen der Online-Shoppingliste „Später Sex?“ zuraunen. „Ja.“ „Ok.“ Und dann, wenn der Kleine schläft und die Serie geschaut wurde, im Schlafzimmer das Licht ausmachen, unter der Decke ein paar verklemmt nervöse Sprüche wechseln und nach einem zehn-sekündigem Vorspiel die immer gleiche Nummer durchziehen.

Das müssen Roboter sein. Oder langweilige Arbeitskollegen. Aber doch nicht wir! Will Smith aus London und Baby Beyoncé aus Sachsen. Scheiße, aber wir sind es. Ich bin jetzt die Frau, die beim Sex im Kopf Einkaufslisten schreibt und Playdates für unseren Sohn plant. Und sich wundert, dass sie dabei nicht mehr kommt. Und am besten noch, während er auf der Zielgeraden ist, darüber nachdenkt, ob er ihn doch rausziehen soll oder ob wir es wie besprochen darauf ankommen lassen, aber ich wollte doch noch abnehmen, bevor ich schwanger werde, soll ich doch lieber neue Obs kaufen, scheiße, ich muss mich jetzt entscheiden, wir sind bestimmt gleich fertig – doch, das sind wir.

Noch wichtiger für die weitere Familienplanung als angespannter Sex oder zu viele Kilos ist zu wenig Kohle. Nun, das ist eine schwierigere Angelegenheit, vor allem wenn man seinen sicheren Job in Deutschland gekündigt hat, um zu seinen Freund nach England zu ziehen und sich direkt im Anschluss schwängern lassen hat. Dass es hier als junge Familie schwer wird, Fuß zu fassen, war uns selbst in der Verknalltheitsphase klar. Aber wenn Familienthemen dann präsent werden und man mit Mietpreisen von 1500 Euro monatlich für eine Mini-Zweiraumwohnung und Kindergartenpreisen ab 100 Euro pro Tag konfrontiert wird, müssten doch selbst bei mir – Mrs. Unbedacht – die Alarmglocken losgehen.

Mein Freund ist der einzige von uns beiden, der aktuell verdient, während ich als Ausländerin rententechnisch stagniere und auf unser Kind aufpasse. Sollte ich nicht vor lauter Existenzängsten schlaflose Nächte verbringen, statt von einem zweiten Baby zu träumen? Mein Kopf sagt, dass man, wenn man das Einkommen vom Partner teilt und jeden Cent zweimal umdreht, lieber die Karriere weiter planen und den Nachwuchswunsch zurückstecken sollte. Mein Herz sagt: „Scheiß drauf!“, wir würden immer eine Lösung finden. Ich werde sehen, was sich ergibt, wenn sich Kopf und Herz geeinigt haben.

Das Leben läuft nicht nach Plan, es passiert. Und selbst wenn ich mir jeden Abend darüber den Kopf zerbreche, wie wir das alles hinkriegen sollen, werde ich mir weiterhin wünschen, dass da bald noch einer mit rumtigert. Und so werden wir auch für unser zweites Kind nicht perfekt vorbereitet sein und es wird kommen, wenn es kommt. Ich habe die Vermutung, dass ich bis dahin weder 5 Kilo abnehmen werde, noch einen fetten Job an Land gezogen habe, aber es scheint, unserem Sohn, der gerade laut lacht, fehlt es an nichts. Zeit, dass ihm Gesellschaft geleistet wird! „Heute Abend Sex?“