Lieber Jens Spahn,

fünf Millionen für eine Studie über die psychischen Folgen von Abtreibungen? Sparen Sie sich das Geld – ich liefere Ihnen meine Geschichte kostenlos!

Danach können Sie ja nochmal überlegen, ob Sie als Gesundheitsminister den Weg der Frauen, für die das Austragen einer Schwangerschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens keine Option ist, erschweren oder erleichtern sollten. Gerade wenn man mal Bundeskanzler werden will, wenn man groß ist, sollte man es sich ja nicht mit allen potenziellen Wählerinnen gleich verscherzen..

Also wie treibt es sich so ab? Ich war 21, im zweiten Semester meines Studiums, frisch in einer Beziehung und hatte gerade die Pille umgestellt. Als sich meine Periode verspätete, rannte ich panisch zur Apotheke. Zwei positive Tests und stundenlange Heulkrämpfe später saß ich bei einer Frauenärztin, die mich zwingen wollte, auf dem Ultraschall-Bildschirm den Embryo anzuschauen, obwohl ich ihr direkt beim Reinkommen mitgeteilt hatte, dass Behalten keine Option sei. Zwei unheimlich schwierige Wochen später in der einzigen lokalen Klinik, die so einen Eingriff durchführt, die ich finden konnte, irrte sich der anwesende Arzt in der Schwangerschaftswoche und gab mir Tabletten, die den Abgang herbeiführen sollten, die aber nicht wirkten, so dass ich nach stundenlangen Schmerzen ohne Betäubung auf dem OP-Tisch landete. Drei Tage später setzten erneut so starke Blutungen ein, dass ich ins Krankenhaus musste und nochmal not-operiert wurde. Zwei Jahre später saß ich bei einer Psychologin, um genau über diesen brutalen Eingriff zu sprechen.

Das Wunsch-Ergebnis Ihrer geplanten Studie ist damit aber nicht belegt. Denn mit der Entscheidung, eine Abtreibung durchzuführen, hatte mein mentaler Zusammenbruch nichts zu tun. Ich wäre mit einem Baby und ohne Partner absolut überfordert und frustriert gewesen und hätte es früher oder später an meinem Kind ausgelassen. Und bin so Gottes froh, die Möglichkeit gehabt zu haben, es zu tun und bin heute trotzdem glückliche Mutter von zwei Kindern.

Die Therapie damals brauchte ich, weil ich unterbewusst so enttäuscht über meinen Partner war, weil er nicht beide Optionen in Betracht gezogen hatte. Weil ich das Pech hatte, dass ich bei einer Frauenärztin gelandet war, die wie Sie scheinbar gegen Abtreibungen ist und damit ihren Beruf verfehlt hat und mir mit Ihrer Vorwurfshaltung noch Jahrelang anhaltende Zweifel, Unsicherheit und Scham einbrannte. Weil der unerfahrene Arzt in der Klinik eine Fehlentscheidung getroffen hatte, durch die ich fast verblutet wäre.

Die Entscheidung für eine Abtreibung, ganz egal aus welchem Motiv heraus und egal, wie glimpflich (meistens) oder kompliziert (ganz selten) der Eingriff verläuft, ist für keine Frau eine leichte und könnte von Ärzten NIEMALS beworben oder beschönigt werden. Aber eine Frau, die sich vor und nach dem Eingriff gut informiert, beraten und betreut fühlt, hat eine große Chance, eines Tages (wieder) glückliche Mutter zu werden, statt sich noch jahrelang danach zu verteufeln und den Moment eventuell zu verpassen.

Bitte ersparen Sie sich und uns diese Studie und lassen Sie die Frauenärzte endlich legal Informationen über den Eingriff abbilden, damit die Betroffenen den Arzt wählen können und niemand mehr wie ich an den Erstbesten geraten muss, der Schund betreibt. Und nehmen Sie eine Million in die Hand und führen Sie einen zweiten optionalen psychologischen Termin ein, und zwar NACH dem Eingriff – denn der ist wichtig, um zu checken, ob mit der Frau alles okay ist oder sie beim Verarbeiten eventuell Hilfe braucht. Psychologische Hilfe sollte in jedem ‚Baby-Krisen-Bereich‘ zur Verfügung stehen – bei natürlichen Fehlgeburten, beim unerfüllten Kinderwunsch, bei postnatalen Depressionen, bei traumatischen Geburten genau wie bei Abtreibungen – das können Sie gern gesetzlich verankern.

Sie wollen, dass sich Frauen generell gegen eine Abtreibung und für das Kind entscheiden? Dann nehmen Sie die restlichen vier Millionen und verbessern die gesellschaftlichen Verhältnisse für Schwangere und Mütter. Liefern Sie Antworten zum Thema überfüllte Kreißsäle. Forschen Sie nach hormonfreier Verhütung. Führen Sie bundesweit ein Erziehungsgeld ein für Eltern, die ihr Kind bis zum dritten Lebensjahr selbst betreuen wollen, damit sie nicht verfrüht frustriert zurück in den Job müssen und den anderen damit unnötigerweise die Arbeits- und Kitaplätze wegnehmen. Und schon haben sie viele glückliche Schwangere und Mütter.

Deutschland – ein Land, das sich um seine Frauen kümmert. Klingt doch viel besser als Deutschland – das Land der vielen Abtreibungen, die angeblich depressiv machen.

Es ist der bisherige Höhepunkt Ihrer politischen Laufbahn. Gehen Sie es an und drehen Sie das Blatt. Bleiben Sie kein Politiker, der gehasst wird. Werden Sie einer, den wir lieben!

Mit besten Wünschen

Ihre Mucki Bommeltwist