Lass mich in Ruhe, Baby!

20. Schwangerschaftswoche, Schwangeren-Yoga, Schlussübung Savasana. Zehn Frauen liegen seitlich auf dem Boden, den Kopf auf einem Kissen, die Augen geschlossen, die Hand streichelt den Bauch. Und bei mir setzt statt Tiefenentspannung das große Zweifeln ein.

Wie ernüchternd diese zweite Schwangerschaft im Vergleich zur ersten verläuft. Statt meinen Partner wie vor zwei Jahren mit einem lauten Quieken anzuspringen, um ihn freudestrahlend den positiven Schwangerschaftstest unter die Nase zu halten, gab es diesmal fünf Tage nach der Befruchtung eine SMS ins Büro („By the way, I am pregnant“). Statt wochenlang auf den ersten Ultraschall hinzufiebern und die Tage bis dahin rückwärts zu zählen, sind wir auf dem Weg in den Winterurlaub kurz ins Krankenhaus, um uns das Bild abzuholen. Statt nach 12 Wochen leichter Übelkeit, kotze ich mir dieses Mal über fünf Monate lang die Seele aus dem Leib und das während ich mit meinem Anderthalbjährigen unterwegs bin, abwechselnd im Park oder beim Einkaufen oder im Bus. Und wenn wir dann nach einem langen Tage fix und fertig zuhause ankommen, wird der Kleine („Mein Kind wird niemals fernsehen schauen!“) eine Stunde vor Peppa Pig geparkt, damit ich auf dem Sofa erschöpft und pupsend zusammenbrechen kann, meinem neuen Schwangerschafts-Kumpel Verstopfung sei Dank. Ich dachte wirklich, der Körper würde einen verschonen, wenn man den Abstand der Schwangerschaften so knapp wählt wie wir. Tadaa! Selbst meine Dehnungsstreifen machen mir diesmal nichts vor und reisen von Beginn an munter und fröhlich auf einem Bauch vor sich her, der diesmal irgendwie schief hängt statt sich stolz und prall nach vorn zu richten – Schwangerschaftsglow, wo bist du?

Die erste Schwangerschaft war körperlich auch kein Zuckerschlecken, aber ich habe die Befindlichkeiten besser ausgehalten, denn was waren wir verknallt! Unsere Beziehung gab es seit knapp einem Jahr und sie bestand aus aufregenden Dates und viel Geschlechtsverkehr. Und heute – die Honeymoon-Phase längst vorüber – läuft die ganze Nummer weitaus realer ab. Viel zu real! Mit Brechanfällen, Hämorriden und einem Kleinkind, das meine Aufmerksamkeit 24/7 braucht, ohne Schlaf und Nerven und Zeit für sich selbst oder sonst irgendwem.

Ich liege auf dem Boden und denke an letztes Wochenende, als wir uns mal wieder gestritten haben. Beziehungsweise ich rumgeschrien und er beleidigt geschwiegen hat. Das Thema: unsere Mini-Zweiraumwohnung, die schon für ein Kind zu klein ist. Aber mit viel Vorstellungskraft und Elan trotzdem auch für zwei Gurken passend gemacht werden kann. Nun, den motivierenden Part übernehme normalweise ich in unserer Beziehung. Ich werde mit meiner schlechter Laune, weil niemand meine Füße massiert, aber allein ganz sicher keine Renovierung planen. Als wir zu Beginn der Schwangerschaft beschlossen haben, dass wir noch sechs Monate Zeit haben, um umzuziehen, hat er verständnisvoll genickt. Jetzt bin ich in der 20. Woche und wir sind immer noch am selben Fleck.

Bedrückt mache ich die Wohnungstür auf und marschiere Richtung Badezimmer. Das Bedürfnis, ihn zur Begrüßung auf den Mund zu küssen, habe ich schon einige Wochen nicht mehr. Ich lasse mir ein Bad ein, er kommt rein, sagt kurz hallo, geht wieder raus. Wir haben uns den ganzen Tag nicht gesehen, aber es scheint keiner von uns beiden das Bedürfnis nach Austausch zu haben. Ich kann gar nicht sagen, wie beschissen sich das anfühlt. Ich sinke tief ins Wasser und meine Gedanken überschlagen sich. Warum fällt es mir so schwer, die Wohnungssuche anzugehen, ich war doch immer die Aktive von uns. Glaube ich nicht mehr an uns? Bin ich schon im Abnabelungsprozess? Wir waren verknallt, dann schwanger, jetzt sind wir Eltern. Soll das alles sein? Ist es so – das Leben als Familie. Ich fühle mich so leer so oft und so ernüchtert. So vieles, was mich andauernd stört. In mir wächst ein zweiter Junge heran und ich weiß nicht mehr, ob ich den Vater dazu liebe. Stürze ich mich gerade ins Glück oder ins Unglück?

Mein schwangeres Hirn macht das Denken ganz schwer. Ich steige aus der Badewanne und gehe zu ihm ins Wohnzimmer. Er fragt ohne aufzublicken, das Handy in der Hand, ob ich mich zu ihm setze, während die Kiste weiterhin im Hintergrund läuft. Ich will nicht. Ich könnte mich mit einem Lächeln daneben setzen und ihn fragen, wie sein Tag war. Ich will einfach nicht. Ich will Trommelschlag und Trompeten, wenn ich den Raum betrete. Statt ihm sortiert und in Ruhe meine Zweifel mitzuteilen, zettel ich im Türrahmen stehend einen Streit über seine Handynutzung an und gehe danach frustriert ins Bett.

Zwei Wochen später. Ein Auto düst über die Landstraße von Windsor Richtung London. Am Steuer ein stolz strahlender Mann, neben ihm eine schwangere, unheimlich glücklich aussehende Frau. Wir hatten die schönsten 24 Stunden der Welt und sind verliebt wie am ersten Tag. Und mussten dafür nur am Wochenende unseren Sohn bei seiner Oma abgeben und einen Spa-Tag im Hotel buchen.
Eine Stunde, bevor es los ging, hätte ich noch Wetten abgeschlossen, dass wir uns nur gegenseitig auf die Nerven gehen. Und dann war es ab der ersten Sekunde, als wir losfuhren, entspannt. Hand in Hand am Schloss entlang spazieren. Nachmittags zum kuscheln im Hotel einchecken. Gefolgt von Spa und Dinner. Was so ein Ortswechsel auslösen kann. Er streichelt mir über den Rücken und sucht meine Nähe. Wir sagen uns, dass wir uns lieben. Ich wäre mit niemanden lieber dort gewesen als mit ihm.

Ihr müsst über eure Probleme reden.“ „Nehmt euch Zeit zu zweit!“ Wie oft hat man diese Ratschläge gehört. Und erst, wenn es fast zu spät ist, weiß man, warum einem die Leute, die meistens schon ältere Kinder oder eine Scheidung hinter sich haben, genau das empfehlen. Man könnte sich viel Ärger ersparen, würde man mit kleinen Erlebnissen zu zweit ab und an vorbeugen.

Auf dem Rückweg reden wir. Wir werden in der kleinen Wohnung bleiben und sie uns schön machen, 20 Wochen haben wir ja noch. Hochschwanger umziehen wie beim letzten Mal muss ja nun wirklich nicht sein. Man muss ja nicht jeden Mist nochmal machen, den man nur macht, wenn man verknallt ist.

Immer wieder Sonntags

London, 7.30 Uhr: Sonntagmorgen, zu Besuch bei meiner Schwiegermutter. Ich schleiche mich aus dem kleinen Bett, um im Wohnzimmer noch eine Stunde für mich zu haben, bevor die drei Männer, mit denen ich die Nacht verbracht habe, den Tag beginnen. Die Chance, dass ich in zehn Minuten jemanden leise grunzen höre, der in Seestern-Position darauf wartet, von mir an die Brust genommen zu werden, beträgt 95 Prozent. Während ich ihn hochnehme und dabei so leise wie möglich versuchen werde, die anderen beiden nicht aufzuwecken, wird sich auch der Zweite aus dem Bett erheben und den Tag mit dem Befehl „Mummy Cuddle!“ beginnen. Einer der drei Gurken wird liegenbleiben und keinen Mucks von sich geben,  zumindest bis er sicher ist, dass ich mit den anderen beiden den Raum verlassen habe. Es ist das braveste meiner Kinder, das, was am längsten schläft – mein Mann.

Es ist 7. 45 Uhr: Statt mir heißes Wasser aufzukochen und ein paar Yoga-Übungen zu machen, wie ich es mir jeden Abend für den nächsten Morgen vornehme, sitze ich zerknautscht wie eine alte Zwiebel mit dem Laptop auf dem Sofa und frage mich, wer eigentlich diese Frau ist, die ihren Mann ihr Kind nennt (persönlicher Albtraum Nummer Eins) und die einen schlechtsitzenden rosafarbenen Plüschmantel trägt (persönlicher Albtraum Nummer Zwei). Und die den Tag damit beginnt, den Laptop aufzuklappen und Artikel über erfolgreiche Menschen zu lesen, statt sich um sich selbst zu kümmern und mal wieder die Haare zu waschen, Zähne zu putzen oder eines der anderen Dinge zu erledigen, die erfolgreiche Menschen bestimmt noch vor dem Morgengruß erledigen. Ich lehne mich zurück, und während nebenan noch Stille herrscht, startet in meinem Kopf das Gedankenkarussell. Seit das Baby da ist und dazu mein Zweijähriger rumturnt, mache ich an jedem Abend, den ich einfach nur überlebe, drei Kreuze. Die Dusche sieht mich maximal zwei Mal die Woche von innen. In der Badewanne, in der ich dachte, jeden Abend zur Entspannung zu liegen, sitze ich manchmal ungefüllt tagsüber drin, um die Hände über den Kopf zusammenzuschlagen und zu heulen. Das Babyalbum, das ich beim ersten Kind zu dem Zeitpunkt schon stolz mit ersten Erinnerungen gefüllt hatte, prangt seit der Geburt des zweiten so provozierend unberührt auf dem Küchentisch („Heb mich hoch! Schreib in mich rein!“), dass ich es wütend in eine der Umzugskisten knalle, die sich in der Wohnzimmerecke stapeln (die kleine Zweiraumwohnung ist für zwei Kinder also doch viel zu klein…).

Es ist 8 Uhr: Aus dem Schlafzimmer regt sich noch nichts, dafür sitzt mittlerweile meine ghanaische Schwiegermutter in ihrem Sessel. In der Hand eine heiße Tasse abgekochtes Wasser, den Blick auf die Bibelsendung im Fernsehen gerichtet. Sie sieht zufrieden aus. Ich stelle mir vor, wie es generell nur zwei Typen Frauen gibt: die, die direkt am Laptop sitzen, sich irgendwelchen Mist durchlesen und selbstzerstörerischen Gedanken nachgehen und sich immer wieder vornehmen, den nächsten Tag mit heißem Wasser und Yoga zu beginnen. Und die, die sich abends nichts vornehmen und morgens aufstehen und erstmal Wasser kochen.

Es ist 8.36 Uhr: Die Wohnzimmertür geht auf und mein Mann kommt mit dem Baby auf dem Arm rein. „Can I handle him someone over?“. In zwei Minuten wird auch der Große reingelaufen kommen und ich werde ungewaschen und ohne heißes Wasser getrunken zu haben, den Text hier unterbrechen, um meinen mit Mutterpflichten prall gefüllten Alltag zu beginnen. Bevor ich aufstehe, werde ich noch kurz an des Leben vor meinen Kindern denken, das aus Redaktion, Nächte mit Freunden auf dem Balkon, Einladungen zu Vorträgen, heißen Dates und monatlichen Kurztrips bestand und es wird mir so vorkommen, als wäre es die beste Zeit meines Lebens gewesen. Und da können mir jetzt alle Instagrambloggermütter sonst wie kommen, Freiheit und Leidenschaft hören mit dem Zeugen der Kinder erstmal auf. Schön für jeden, für den es sich anders anfühlt. Bei mir ist stattdessen schlechte Laune an der Tagesordnung, weil die Liste an Dingen, die gemacht werden müssten, unendlich und unbezwingbar wird. Und die dafür strapazierten Nerven immer dünnhäutiger werden, weil man nicht durchschlafen kann und von Zwergen herumkommandiert wird.

Doch dann werde ich mich wieder an all die Ängste und Zweifel von damals entsinnen, ob ich jemals einen Mann finden werde, den ich nach drei Jahren Beziehung immer noch begehre und ob ich jemals Kinder haben und die Ronja Räubertochter-Mutter sein werde, die ich schon immer so gern sein wollte. Scheiße, hatte ich Angst. Und dann bekommt man das, was man sich gewünscht hat, ohne es bewusst zu bemerken. Und man vergisst, wie glücklich man sich schätzen kann, weil die Träume von gestern so oft von den Sorgen von heute überlagert werden.

Wenn ich heute in den Spiegel schaue, sehe ich eine Frau, die mir oft fremd ist, die sich selten sexy und oft alt fühlt. Doch wenn ich morgens in das Bett mit den drei Männern drin blicke, spüre ich, dass mein Herz voll ist und darin all die Liebe, die ich mir immer für mich gewünscht habe. Und der Rest sind Optimierungsmöglichkeiten und keine Herzenswünsche und es ist so egal, ob ich morgens heißes Wasser oder Tonnen Kaffee trinke oder meine Haare heute gewaschen sind, die ersten Jahre mit Kindern sind einfach hart. Aber die Gefühle, die einen durchströmen, wenn sie lachen oder schlafen, sind unbezahlbar und Hauptsache ist doch, wir halten zusammen.