Zwei Wochen nach Rezos Video wird die Welt immer noch wärmer

Am 18. Mai ging Rezos Video online, ein paar Tage später dann Europawahl mit dem angeblich „großen“ Erfolg der Grünen. Dass die es aber nur in den Metropolen an die Spitze geschafft haben, während die AfD in Sachsen und Brandenburg am besten ankommt, beunruhigen zumindest medial betrachtet erschreckend wenige. Nur weil Großstädter eine eher tolerante, umweltbewusste Meinung vertreten, wird für ein ganzes Land nichts gewonnen, das hat schon der Brexit in England gezeigt. An diesem Mittwochabend geht hier in Brandenburg, wo vor drei Tagen eine Partei gewählt wurde, die meint, die Klimaerwärmung käme von der heißen Sonne, das Leben unbeirrt weiter. Morgen ist Männertag. Für manch andere als Christi Himmelfahrt bekannt. Aber wenn wir nicht alle bald in den Himmel fahren wollen, muss jetzt was passieren.

Was Rezo und Greta Thunberg und Hunderte von Wissenschaftlern, die keinen Instagram-Traffic haben, versuchen zu sagen: Der Mensch ist schuld am Klimawandel. Und der Mensch kann es noch drehen. Aber der Einzelne kann noch so viele No-Plastic-Bilder posten, kein Fleisch mehr essen oder sich kein Auto zu legen – die großen Entscheidungen, die es noch reißen können, kommen von der Politik. Auch wenn es gerade danach aussieht, dass freitags bei den Schüler mehr dafür passiert. Die Hausaufgabe der Politiker lautet schon seit geraumer Zeit: mit Kohle und Öl aufhören und auf Wasser, Wind und Solarenergie umstellen. Aber Angela will bis 2039 noch Kohlekraftwerke laufen lassen. Und ist in neun Jahren, wenn wir die Erde kaputt gemacht haben, längst raus. Das ist vom Verantwortungsmissbrauch her ungefähr so wie, wenn beschlossen wird, dass ein Medikament, das zum aktuellen wissenschaftlichen Stand her zwar eine bestimmte Infektion kurzfristig heilt, aber langfristig vielfache Behinderungen auslöst, eingestellt werden soll, aber der Gesundheitsminister trotzdem verordnet, es weiter zu verabreichen, weil dafür ja schon so viel investiert wurde und die Leute aus der Industrie ihren Job nicht verlieren sollen.

Ja, Kohlekraftwerke haben uns über 130 Jahre mit Strom versorgt und Erdöl mit Energie zum Autofahren und Heizen und zur Herstellung von Kunststoffen. Aber beide werden uns in wenigen Jahren umbringen. Und was macht unsere Regierung? Es arbeiten um die 340.000 Menschen in der Branche rund um erneuerbare Energien, aber die Aufmerksamkeit und Entschädigungsprämien bekommt die Kohleindustrie. Klar, wird „Danke und Tschüssi Kohle“ erstmal beschissen für die über 20.000 Arbeiter, die ihren Job dadurch verlieren. Aber was nützt es einem Kohlekraftwerk-Arbeiter, wenn er weiterhin in die Rente zahlt, wenn seine Kinder und Enkel und er selbst sie aber nicht erleben.

Also was machen wir jetzt? Den Grünen verzeihen, dass sie bisher nicht mehr gerissen haben und ihnen noch eine Chance geben? Dudes, dafür brauchen sie aber mehr Stimmen! Von den Alten, die nur SPD und CDU kennen und dieses Kreuz in ihren restlichen Jahren auch nicht mehr ändern werden, brauchen sie sich nichts zu erhoffen. Was ist mit jungen Leuten und wie wäre es mit mehr Verständnis für die vielen Fans der AfD?

Ich komme aus Sachsen und wohne jetzt in Brandenburg. Hätten mich meine Eltern nicht von klein auf mit in den Urlaub ins Ausland genommen und ich dadurch schon zeitig geblickt, dass es außerhalb von Deutschland Menschen mit den gleichen Primär-und Sekundärbedürfnissen, wie wir sie haben, gibt, auch wenn sie anders aussehen und anders sprechen als wir – dann wäre ich heute vielleicht genauso gefrustet wie sie. Es gibt unter den AfD-Wählern eine Menge Leute, die auch die Natur retten wollen und einfach den Zusammenhang noch nicht kapiert haben. Dass wir so einige Regionen auf dieser Welt haben, die es dank Klimawandel schon bald nicht mehr geben wird. Das unsere nicht dazu gehört und die dann alle hier herkommen werden, wenn sie nicht bald grün wählen. Das muss man denen nur mal deutlich machen. Und zwar in einer Sprache, die sie verstehen.

Und wenn man mal genau hinschaut, wen die AfD im Vergleich zu ihren Mitstreitern oft auf ihre Plakate bringt, dann sieht man: es ist der Mensch, den sie erreichen wollen. Und davon können sich so manch andere Parteien, die nur sich selbst oder konzeptionelle Slogans draufknallen, eine Menge abschneiden. Klar sind die Sprüche der AfD, ob mal getarnt oder ganz direkt, immer rechtspopulistisch. Aber die Sprüche kann man ändern, es geht um das Konzept. Da haben wir eine muslimisch aussehende junge Frau mit Einkaufsbeutel, die sagt: „Ich möchte, dass mein Sohn richtig deutsch sprechen lernt, weil das die Voraussetzung ist, zu einem guten Beruf.(…)“ Bäm! Allein mit der Abbildung des Einkaufbeutels hat sie schon alle Hausfrauen zumindest für den ersten Blick gecatcht. Die Lehrer, denen es auf den Zeiger geht, mit Schülern mit Migrationshintergrund überfordert zu sein und dazu allen Grund haben, aber vom Schuldirektor keine Hilfe bekommen, gleich mit obendrauf. Sind bestimmt nicht wenige.

Oder ein anderes Plakat mit einem Hipster mit gephotoshoptem Vollbart: „Mein marokkanischer Dealer kriegt sein Leben komplett vom Staat finanziert. (…)“ Bääääm, einfach mal alle Arbeitslosen Deutschlands abgeholt, denen es auf den Zeiger geht, dass sie seit der Geflüchtetenwelle im Arbeitsamt so lange anstehen müssen. Sind bestimmt nicht wenige…

Oder die hübsche Blonde mit tätowiertem Muffig auf dem Schulterblatt. Nicht zu hübsch, aber im Krisenbezirk mit den vielen Hochhäusern ist sie bestimmt der Hit. Die sagt, ach ist ja egal, was sie sagt, dreifach-Bääääm, mit einem Schlag alle abgeholt, die auf blond stehen. Sex sells you remember. Sind bestimmt nicht wenige…

Dann der Arabischstämmende mit dem netten Lächeln: „Ich wähle die AfD, weil ich weiß, was der Islam bedeuten kann, wenn wir nicht aufpassen (…)“ Und Turbo-Bähm, haben wir alle von der Sorte „Ich bin nicht rassistisch, ich bin nur gegen die, die sich nicht benehmen“ abgeholt. Und das sind bestimmt nicht wenige!

Mein Lieblings-AfD-Partei ist das einer Partei-Vorsitzenden, die ganz verkrampft ein Baby im Arm hält. Man guckt nur auf das Baby, das zwar die Augen zu hat, aber schrecklich angespannt wirkt. Dazu die Message: „Und was ist Ihr Grund für Deutschland zu kämpfen?“ Mega! Jeder will das Baby schützen, das von einer Frau gehalten wird, die für das Bild definitiv ihre Komfortzone verlassen hat und sei es nur, damit es ihr ganz schnell jemand abnehmen kann. Bau das mal in einen Kontext, in dem es um Umwelt geht und das Ding sitzt.

Was machen die Grünen stattdessen? „Europa ist ein Friedensprojekt. Kein Steuersparmodell.“ Kann man das beschissener formulieren? Wie bitte soll ich mich von so einer Message ohne Studium und middle-class-lifestyle abholen lassen? Weitere jüngste Ansagen auf ihren Plakaten machen es noch schlimmer: „Mut geben statt Angst machen“, „Kommt der Mut, geht der Hass.“ Ich lese da nur Angst und Hass. Einfacher kann man es dem „Wutbürger“ ja gar nicht machen, genau so eine Partei nicht zu wählen. Negativwörter so groß auf ein Plakat zu drucken, widerspricht doch allen Kommunikationsregeln. Bitte, liebe Grüne, das muss besser werden, bitte tretet mit mir in Kontakt, ich mache euch nen guten Preis für bessere Kommunikation! Die Zeit rennt, Sachsen und Brandenburg im September, you remember…

Merkel hat Ziele gesetzt, die sie nicht gehalten hat. Ja, sie hat Leute ins Land gelassen und das war und ist richtig so und diese Aufgabe hat ihr wahrscheinlich alles abverlangt. Aber jetzt sind die alle da und Bundesländer wählen mit der Mehrheit AfD wie vor 88 Jahren Hitler. Wenn ich aktuell die Zukunft male, dann müssen die Geflüchteten hier aufgrund der rechten Bewegung bald um ihr Leben kämpfen, wie in dem Land, aus dem sie geflüchtet sind und ein paar Jahre später sterben wir dann aufgrund der Erderwärmung, die keiner gestoppt hat, alle. Ich habe gerade erst zwei Kinder bekommen und diese Vorstellung macht mich krank.

Logisch, dass Deutschland allein die Welt nicht retten kann. Aber Vorreiter können und müssen wir sein und damit hoffentlich etwas bewegen. Oder zumindest in neun Jahren sagen können: wir haben es versucht!

Hilfe, das Dorf ruft!

„Entschuldigen Sie, gibt es hier ein Café, wo man brunchen kann?“, frage ich die einzige Person, die uns während des zehnminütigen Marsches entlang der Hauptstraße, die sich durch das Dorf schlängelt, entgegenkommt. Wir sind auf der verzweifelten Suche nach etwas Essbarem. Sie ignoriert uns und läuft weiter. Heute morgen haben uns meine Eltern, die beim Einzug „helfen“ wollten, auch ignoriert und sind, statt uns die Kinder abzunehmen und uns einfach nur machen zu lassen, als erste Amtshandlung in den nächsten Baumarkt gefahren, um einen Kompost zu besorgen und jeden Zentimeter im Garten mit Gemüsebeeten zu verplanen.

Der Streit mit meiner Mutter darüber, ob ich als 32-Jährige in meinem Reich selbst entscheiden sollte und uns eigentlich irgendwer gefragt hat, ob wir in den nächsten Jahren überhaupt Gemüse essen wollen, ist natürlich eskaliert und die Zwei kurz darauf wütend abgezogen. Zurück blieben wir Vier – ein Brite, der auf deutsch „Schönes Wochenende“ sagen kann und in seinem Leben bis auf zahlreiche internationale Single- Trips seine Heimatstadt London noch nie verlassen hat. Seine Freundin, die sich in diesem Moment fragt, wie viel Kraft uns dieses Lebensumkremplungsprojekt eigentlich schon gekostet hat und ob der Streit vorhin der Tiefpunkt war, ab dem alles besser wird oder erst der Anfang. Und unsere zwei Gurken, denen alles egal ist, Hauptsache, es gibt gleich was zu essen.

Wer lebt eigentlich gesünder: der Veganer in der versmogten Stadt oder die Wurstfans vom Dorf mit der frischen Luft?

Es wird schlimmer. Beim einzigen Bäcker gibt es nur einen Stehtisch, der schon von drei Handwerkern besetzt wird und für einen zweijährigen Terrorzwerg und ein robbendes Baby sowieso keine Option darstellt. Und im lokalen Edeka, an dem man mit Blick auf den Parkplatz gemütlich sitzen kann, gibt es nur Zuckerkuchen oder Bockwurst. Wir haben zwei Mastercards („Wat soll dat denn sein, nee, hier nur mit Bargeld“) und die Jungs und ich teilen uns von fünf Euro Münzgeld freudig die Bockwurst und ein Stück Kuchen. Mein Freund, der weder Brötchen noch Schwein isst, bekommt eine Caprisonne. Wir werden in den nächsten Monaten noch oft feststellen, dass man hier bei jedem Ausflug Bargeld braucht und das kulinarische Angebot selten über Pommes, Wiener und Limo hinausgeht.

Ich denke an das große Ziel, das wir mit unserem Länderwechsel und dem Neuanfang hier vor Augen hatten: den horrenden Miet- und Kitapreisen in Großbritannien zu entfliehen, um hier ein tolles, neues, besseres Leben aufzubauen. Okay, unser Lunch gerade kam auf nur fünf Euro, dafür bekommt man in London höchstens Kaugummis. Aber in dieser Sekunde würde ich mein ganzes Erspartes für den Avocadotoast aus unserem Lieblingspub mit der großen Spielecke geben. Doch dann erinnere ich mich wieder daran, dass jeder Gang zum Brunch damals wirklich unser halbes Erspartes auffraß und wie genervt ich von den Millionen Menschen auf der Straße auf dem Weg dahin war und mir die britische Höflichkeit oft nur fake vorkam und ich die Direktheit der Deutschen vermisst habe. Zurück auf dem Grundstück meint unser Nachbar, den ich von meinen geliebten englischen terraced houses und Spaziergängen an der Themse erzähle: „Hier fließt die Wuhle, da könnt ihr lang laufen, da kommt ihr nach Marzahn.“

Wir blicken uns um. Hier liegt sie vor uns, die Chance, dass unsere Kinder in einem Villa-Kunterbunt-ähnlichem Haus im Grünen aufwachsen, wie ich es mir als Stadtkind so oft erträumt hatte. Noch ist die Terrasse kaputt und alles verwildert und noch gibt es keinen Zaun und weniger Privatsphäre als im Plattenbau. Aber die Vision ist da – wir müssen es nur angehen. Jackpot, meinen die Leute, bei der aktuellen Wohnungslage in der Hauptstadt ein absoluter Glücksgriff. Ich verbringe die ersten Wochen jeden Abend heulend im Bett, so glücklich bin ich. Verstehen muss das niemand, wir leben hier immerhin den vorstädtischen Familientraum. Aber vielleicht war ich noch nicht bereit fürs Dorf oder werde es nie sein.

Von den wenigen Eingeweihten, denen ich von meinen Zweifeln erzähle, kommen Blicke, die eher Ratlosigkeit als Mitgefühl vermuten („Ist sie immer noch nicht angekommen?“ Oder:  „Der Arme, er muss aber auch viel mitmachen“). Mein Freund erinnert mich an die erste Wohnung in London, die wir uns nur mit asiatischen Untermietern leisten konnten, weil wir zufällig keine Millionäre sind und trotzdem gern in Central London wohnten. Nach der Geburt stellten wir fest, dass im Wochenbett checken zu müssen, ob gerade jemand durch den Korridor läuft, bevor man nackt zum Klo rennen kann, um seine Binde zu wechseln, für eine junge Familie nun wirklich eher suboptimal ist. Aber zumindest konnte man die Wohnung schnell verlassen, um zum Baby-Yoga zu gehen und sich auf dem Weg einen Chai Latte holen…

Nichts und niemand kann einen auf das Leben mit Kindern vorbereiten. Und ich bin zum ersten Mal in meinem Leben vom Umziehen müde. Die Jungs lieben den täglichen Gang zum Bauernhof und strahlen auf ihren Laufrädern dabei mehr, als bei den so nervenaufreibenden Slalomrennen mit dem Kinderwagen durch die Stadt. Und auch wir fühlen uns beim spontanen Lagerfeuer viel befreiter, als in muffigen Bussen zum nächsten Pub. Dafür nimmt man dann auch in Kauf, dass selbst das Take-Away-Essen hier grottig schmeckt und findet seinen Kompromiss in monatlichen Trips in die Stadt, um mit anderen internationalen Eltern auf dem so viel schöneren, aber so viel dreckigeren Holzspielplatz veganes Eis zu essen, um danach wieder über die Landstraßen glücklich „nach Hause“ zu brettern.

Auf dem Rückweg vom Edeka stelle ich entsetzt fest, dass sich unser neues Heim 500 Meter entfernt vom Berliner Ortseingangsschild in Brandenburg befindet und dadurch die kostenlosen Kitaplätze, mit denen ich meinen Freund hierher gelockt hatte, für uns entfallen. Ich bestelle ganz schnell den Pool, den er sich gewünscht hat und lass ihn den ganzen nächsten Tag in seiner neuen Werkstatt rumbasteln, für die in einer Wohnung in der Stadt niemals Platz gewesen wäre. Denn um es mit den Worten meiner Oma zu sagen: „Kind, das ist jetzt euer Zuhause, Punkt.“

Schatz, ich kann dir mit den Kindern nicht helfen, ich habe Husten

Freitagmorgen, Aldi Parkplatz, irgendwo am Rand von Marzahn. Ich stelle mein Fahrrad ab, mein 2,5- jähriger Sohn und sein 13-monatiger Bruder sitzen mit triefender Nase hinten im Anhänger. Eine Frauenstimme ruft aus einem grauen Polo: „Sie wissen schon, dass Sie hier auf einem öffentlichen Parkplatz stehen?!“ Der Anhänger steht auf einer Parklückenmarkierung, da der Fahrradbereich nicht für Angelegenheiten wie unsere (Frau-allein-mit-zwei-kranken-Kleinkindern-ohne-Auto-beim-Wocheneinkauf) ausgelegt wurde. Es ist Ende April, wir haben 30 Grad Celsius, meine Kinder seit Wochen eine starke Erkältung und der Kühlschrank ist leer. Rechts und links reihen sich zahlreiche freie Parkplätze. Ich trotz Schnappatmung noch ganz in Englandmanier: „Wenn Sie mich freundlich fragen, mache ich gern Platz.“ Frau: „Dann haben Sie mich noch nicht wütend gehört. Ich fahre jetzt los.“ Mit einem Ruck setzt sie an und rollt auf uns zu. Willkommen in Berlin!

Zurück daheim werfe ich einen Blick in das leere 160 Quadratmeter Haus, das ab jetzt unser neues Zuhause werden soll. Und fühle mich ganz verloren darin. Da hilft auch der Anblick unseres Hab und Gutes in der hintersten Ecke nicht, das die zwei cleveren Polen gestern für 800 Euro aus dem LKW vor unserer Tür abgeworfen haben. Dass gestandene Speditionsunternehmen dafür gern mehr als das Dreifache veranschlagen, hat meinen Freund nicht verwundert. Bis er mein Gesicht gestern sah, als die Zwei mit ihrem viel zu großen Laster in unsere viel zu kleine Einfahrt fuhren und meine heiß geliebten Vintage-Teile damit zwar den Weg von London aufs deutsche Dorf geschafft hatten, aber eben nur halbe Spiegel, gerissene Leinwände und mit nur drei Tischbeinen statt Vieren.

Er ist wütend auf die Polen und ich auf den Afrikaner, der den Scheiß eingerührt hat und keine Verantwortung übernimmt. Ich schon weniger britisch: „Wenn du so wenig dafür zahlst, musst du zumindest checken, ob die das Zeug auch ordentlich verpacken, verdammt!“ (Oder eher: „What the fuck! Are you really that stupid! I want a man, not a third child!“) Ich laufe wie ein Tiger im Zoo auf und ab und spreche laut zu mir selbst. Er schaut mich an und ich weiß schon, was jetzt kommt. „Honey, I am sorry, es war doch keine Absicht.“ Und ja, wir machen alle Fehler. Aber die Masche zog nur bei einem Kind und viel Sex und als bei seinem Lachen für mich noch die Sonne aufging und die Welt still stand. Nach Geburt Nummer zwei und Länderwechsel und neu angemeldeten Selbstständigkeit, braucht er eine neue Taktik, um mich nach so einer Nummer wieder runterzuholen.

Zwei Geburten, meine neue Selbstständigkeit und ein Länderwechsel haben ihre Spuren hinterlassen und ich fange an, die Umsetzung des Planes, dass unsere Aufgabenteilung hier ausbalancierter wird (nicht mehr er 100 Prozent Job und ich 100 Prozent Haushalt und Kinder, sondern beide 50/50) anzuzweifeln. Der neue Alltag hier zeigt, dass sich mein Freund auch in Deutschland nach einem langen Arbeitstag auf eine warme Mahlzeit freut und sich trotzdem für einen modernen Mann hält. Dass, auch wenn er es nicht sagt, sein unbefristeter Job mehr zählt als meine Selbstständigkeit, weil er im Jahr eine Null hinten mehr dran nach Hause bringt als ich. Dass der ganze Einkauf-Koch-Wäsche-Scheiß immer noch bei mir hängen bleibt, weil er dafür, dass wir nun in einem Haus wohnen, zwei Stunden täglich unterwegs sein muss und danach alle ist. Auch wenn ich mir eine Stunde im Zug traumhaft vorstelle im Gegensatz zu all dem Mist, den niemand machen will, der jeden Abend auf mich wartet.

Nachdem ich mich eine Woche im Alleingang um unsere kranken Kinder kümmere, all‘ meine Abgaben und Termine verpasse, und in der Zeit scheinbar nicht existiere, zähle ich die Stunden zum Wochenende, damit er mit hilft. Doch wer kommt mit „ganz hohem Fieber“ (38 Grad) heim und legt sich direkt ins Bett? Ich weiß nicht, ob ich lachen oder kotzen soll, renne stattdessen in den neuen Haushaltsraum, knalle die Tür zu und schreie so laut ich kann. Dafür sind die Dinger für all die frustrieren Hausfrauen auf dem Dorf also da. Als ich wieder rauskomme, meint mein Dreijähriger, „Mama, das mag ich nicht“ und ich muss alle Kräfte in mir mobilisieren, zu unterstehen, ihm zu erklären, was ich an meiner Wahl seines Vaters gerade nicht mag.

Es ist 20 Uhr, die kranken Kinder wollen nicht schlafen und ich schaue verzweifelt auf die Uhr, die sagt, dass ich noch 12 Stunden Zeit habe bis zur nächsten Kolumnen-Abgabe. Und denke an den alten Mann vor ein paar Wochen, der erst meinen mit Steckzaunbrettern vollbeladenen Buggy und dann mich anstarrte und meinte, „Sie dürfen nicht so viel tragen, Sie sind doch eine Prinzessin.“ Schultere ich mir in dieser Beziehung zu viel auf? Wo fängt Gleichberechtigung in einer Partnerschaft an und wo hört das Ignorieren der eigenen Bedürfnisse auf?

Mir dämmert, dass meine neue Challenge gar nicht der raue Umgangston der Leute hier ist, sondern meine wirkliche Herausforderung liegt gerade oben mit Männergrippe im Bett. Und deshalb muss ich, die sich seit Tagen selbst mit starker Erkältung plagt, aber natürlich trotzdem funktioniert, diesen Mann dort oben jetzt aufwecken gehen, damit er seine „Ich-nehme-keine-Medikamente, mein-Körper-braucht- einfach-nur-Ruhe“-Egonummer abbläst, verdammt nochmal eine Aspirin und mir die Kinder abnimmt und ich meine Kolumne fertig bekomme, sonst überfahre ich in zehn Jahren noch komplett frustriert wie die Alte vorm Aldi kleine Kinder.

Was man macht, wenn es dieses eine Zuhause, von dem alle reden, für einen nicht gibt

Samstag vormittag, der Mann ist mit den Kindern zuhause. Ich bin auf zweistündigem Shoppingtrip, der keinen Spaß macht, weil nichts passt – daher Kaffee- und Kuchenpause im Starbucks. Mein Blick wandert nach rechts. Drei über 50-Jährige sitzen gemütlich mit ihren Kaffeebechern am Tisch und erzählen sich Geschichten. Sie sehen zufrieden aus. Mein Blick wandert nach links. Eine junge Mutter Anfang 30, mit Kinderwagen, aus dem es brüllt, tippt panisch in ihr Handy, während sie an ihrem Cappuccino nippt. Sie sieht verzweifelt aus. Zu wem von beiden soll ich gehen, um mich über London auszukotzen, was mich heute Morgen mit all den dichten Straßen und gehetzten Menschen mal wieder dermaßen auf die Palme bringt?

Ich schaue auf das Meer auf einem Poster an der Wand und habe die Hoffnung, dass sich das Wasser öffnet und eine unheimlich liebe, alte, weise Frau sich daraus erhebt, mir die Hände auf die Schultern legt und sagt, dass alles gut wird. Wie unheimlich schön und vielversprechend ich die Stadt fand, als ich vor drei Jahren hierherzogen bin. So eng und festgefahren kam mir alles in Dresden vor. So oberflächlich in Stuttgart. So spanisch in Barcelona. So dreckig in Berlin. London dachte ich, kann es sein und bleiben, so damals der Plan.

Seit ich 18 bin, ziehe ich spätestens alle 18 Monate um. Rastlos sagen viele, auf der Suche, meinen andere. Für mich hat es sich nie so angefühlt. Ich hatte für jeden neuen Lebensstandort die passende Erklärung und an genug Energie für die Umsetzung hat es nie gefehlt. Mit 17 Jahren, als ich im Keller Kassetten aufnahm und heimlich rauchte, dachte ich, das wahre Leben beginnt, wenn meine beste Freundin und ich vom Dorf nach Berlin ziehen. Als ich ein Jahr später arbeitslos und verkatert in Hauptstädter WGs abhing, war ich felsenfest davon überzeugt, dass mir ein Studium im Schwabenland die fehlende Sicherheit liefern würde.

Im Alter von 20 bis 24 quäle ich mich also in Stuttgart durch einen Wirtschaftsstudiengang, dessen Highlight das Auslandssemester in Barcelona war. Danach tingele ich auf Entdeckungsreise durch Südostasien, tanze barfuß am Strand, fahre mit einem alten Moped über fremde Inseln und schlafe mit internationalen Männern. Doch als ich die Tage immer langsamer angehe und Geld ausgebe, das ich nicht habe und meinen Freunden in den doch so vielen einsamen Momenten über WhatsApp mit meinem neuen Carpe-Diem-Lebensgefühl so langsam auf die Nerven gehe, geht es zurück nach Deutschland. Dort kreuzt parallel zur neuen 40-Stundenwoche und festen Pausenzeiten die letzte Begegnung aus Bangkok regelmäßig bei mir auf. Nach einem Jahr Fernbeziehung verscherbel ich mein Hab und Gut, packe meinen Koffer und buche ein One-Way-Ticket zu ihm nach London. Manche testen ihre Beziehung dann mehrere Jahre und beginnen einen Bausparplan. Wir zeugten in den ersten 14 Tagen nach meiner Ankunft ein neues Leben. So weit, so gut. Doch zwei Jahre und zwei Umzüge innerhalb Londons später, ist das zweite Kind und die innere Unruhe wieder da und ich stelle erschreckend fest, dass ich immer öfter an Deutschland denke, vor allem an meine Mum und meine Oma. Ich fühle mich lost wie Carrie aus „Sex and the City“ in Paris am Ende der achten Staffel. Nur eben nicht in Paris, sondern im kalten, grauen, nassen London. Und eben nicht in kleinen fancy Cafés oder bei Dior, sondern mit zwei Schreihälsen abwechselnd bei Starbucks oder im TK Maxx. Bin ich nach all den Jahren Hin und Her in London gelandet, um herauszufinden, dass ich eigentlich in Sachsen leben will? Ja, es ist alles krass teuer hier und der Smog ist übel, aber doch immer noch tausend Mal besser als Sächsisch, oder?

Doch wenn ich ganz ehrlich bin, macht das Familienmodel meiner Freunde in Deutschland zumindest aus der Ferne am Telefon mehr Sinn, als das, womit wir uns hier manchmal rumärgern. Und die Vorstellung von bezahlbarer Kitas, einem Haus im Grünen und meinen Eltern als potenzielle Babysitter in der Nähe, klingt auf dem Papier schmackhafter als meine aktuelle Idee, bis zur Einschulung des ersten Kindes nach Ghana zu gehen. Und ich ignoriere mein Herz, das bei der Vorstellung von der Lehrerstelle in Accra und Nachmittagen mit den Kids am Strand laut schlägt und wild hüpft und wir entscheiden uns für den vernünftigen Gewinner der Pro-und Kontraliste: Deutschland.

Mal schauen, ob da wirklich alles besser organisiert ist als hier und es uns im Alltag als Familie mehr Zufriedenheit verschafft. Stolz werden wir alle mal sein, dass wir nicht in Central London geblieben sind, was nur Sinn ergibt, wenn man reich, Single oder 25 ist, sondern für unsere Jungs „was Besseres“ wollten und es angegangen sind, auch wenn das erstmal hart war. Das Meer auf dem Plakat hat sich immer noch nicht geöffnet. Aber als die junge Frau mit Kinderwagen von links aufsteht und geht, wirft sie mir ein optimistisches Lächeln zu.

Jeder Horst wird Influencer

Freitag, 14 Uhr, London, Battersea Park. Ich sitze auf einer Bank und blicke auf den Teich und auf die Enten. Mein Baby schläft in der Trage, mein Zweijähriger buddelt zehn Meter entfernt im Sandkasten. Die Sonne glitzert im Wasser und man könnte es den ersten schönen Frühlingstag nennen. Ich blicke an mir herunter und sehe alte Turnschuhe und eine Fleecejacke. Drei Jahre zuvor, als ich hochambitioniert mein One-Way-Ticket nach London einlöste, hätte ich noch jede Wette unterschrieben, dass ich an einem Tag wie heute gerade von einem fancy Lunch mit internationalen Kollegen kommen würde, irgendwo auf der Oxford Street, im Kopf schon den vollgeplanten Abend. Ich meine Leute, es ist London Fashionweek und hallo, ich arbeite natürlich für die „Vogue“. Wenn ich mich an so einem Freitag betrachten würde, wären da keine Jogginghosen, sondern ein royalblaues Chanelkostüm und goldene Jimmy Choos.

Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne. Und bei der „Vogue“ hat bisher noch kein Schwein von mir gehört. In meinem Leben, das nicht aus Redaktionsmeetings und Pressereisen, sondern aus Spielgruppen und Kindercafés besteht, fällt das aber zum Glück niemandem auf. Die Male, die sich in den letzten drei Jahren jemand nach meinem Berufsleben erkundigt hat, kann ich an einer Hand abzählen. „Ich bin Redakteurin. Also eigentlich Chefredakteurin. Also, äh, ich hatte mal mein eigenes Magazin. Aber ich weiß gerade nicht, wie ich irgendwas machen soll.“ Eine weitere Nachfrage nach meiner dahingenuschelten Antwort gab es nie.

Nicht zu wissen, wie es für mich beruflich weitergeht, hat uns bisher ja scheinbar nicht davon abgehalten, hier einen auf Familie zu machen. Doch seit von ‚Verknalltheitsphase‘ keine Rede mehr sein kann, stellen sich bei mir erste Zweifel ein. Und bäm ist er da – der Wunsch nach Absicherung und Verwirklichung fern vom zähen Mami-Alltag. Und ja, ich kann mir noch so oft einreden, dass es ein Geschenk ist, dass ich mich gerade nicht wegen einer Vollzeitstelle vierteilen muss und das mich und niemand anderen zur Expertin meiner Kinder macht. Aber die Realität ist: Mein Freund zahlt in die Rente ein, während meine Karriere Pause macht und ich auf unsere Kinder aufpasse. Und damit mir das nicht eines Tages zum Verhängnis wird, muss ich jetzt was tun.

In England kostet ein Kindergartenplatz ab 1200 Euro aufwärts im Monat. Arbeiten zu gehen muss sich also wirklich lohnen. Doch was soll ich machen, was mich so begeistert, dass ich mein Baby und mein Kleinkind für diesen stolzen Preis fremdbetreuen lasse? Wenn man so mediengeil ist wie ich, würde es so unglaublich nahe liegen, einen Mummyblog zu starten oder Youtube-Mum zu werden. Eine Mutter aus dem Baby-Yogakurs hat mit ihren täglichen Fotos von ihrem Kind unter dem Hashtag #mixedbaby binnen drei Monaten über 20.000 Follower generiert und bekommt jetzt immer irgendwelche Produkte, die sie bewerben soll, nach Hause geschickt. Das Baby sieht zwar auf jedem Bild todtraurig aus, aber die Mutter strahlt gestylt in die Kamera. Wenn man von 100 Bildern dann täglich eins zum posten raussuchen und den Beitrag entsprechend texten muss, um danach im Sekundentakt auf Aktualisieren zu drücken, um zu checken, wieviele Likes er bekommt, kann so ein Jahr Elternzeit auch schnell rumgehen…

Als narzisstische Person kann ich das Adrenalin bei der Vorstellung eines ‚Millionenpublikums‘ natürlich verstehen. Gäbe es da nur nicht ein Problem: Ich kann die ganze Influencer-Nummer nicht ertragen und habe null Respekt vor Menschen, die Selfies machen und diese als Werbeposts veröffentlichen oder ihren Followern nichtssagenden Stuss in die Kamera erzählen. Selbst etablierte Schauspieler müssen mit 45 noch private Videos teilen, um am Ball zu bleiben. Und in diesen Clips passiert nichts Spannenderes, als das einer eine Fratze zieht oder sich zwei Gesichter tauschen oder einer ein Teddy wird. Ich verstehe jeden, der dieses Phänomen für sich ausnutzt, um damit Geld zu verdienen. Aber in einer Welt, in der eine Kim Kardashian berühmter ist, als Amy Winehouse es je geworden wäre und in der es reicht, „Hi, ich bin es wieder ihr Lieben, schön, dass ihr da seid, heute zeige ich euch die versprochene Roomtour inklusive Babyzimmer!“ in die Kamera zu sagen, um sich Star zu nennen, kann ich nicht mitspielen.

Selbst, wenn man es wie ganz wenige schafft, einen authentischen Kanal aufzubauen (aka Tova Leigh!!!) und dem eigenen künstlerischen Anspruch damit irgendwie gerecht zu werden. Ich würde nur im Strahl kotzen, müsste ich mich selbst dabei filmen, von meinem belanglosen Tag zu erzählen. Und das will ja nun wirklich niemand sehen.

Die Sonne kommt wieder raus, das Baby wacht auf und der Große hat Hunger. Und ich nehme mir für die nächsten Spielgruppen vor, falls die ‚Und-was-machst-du-so‘-Frage kommt, zu antworten: „Ich bin Mama und schreibe gern und alles andere wird sich ergeben.“ Das klingt vielleicht nicht aufregend, aber es ist meine Wahrheit. Auch wenn es unheimlich schwer ist, mit kleinen Kindern, die 24/7 um einen herumscharwenzeln, in dem Dschungel an Verpflichtungen und Möglichkeiten, der sich Müttern bietet, seinen eigenen Weg herauszufinden – zumindest ohne sechs Wochen auf dem Jakobsweg darüber sinnieren zu können.

Irgendwie bin ich auch froh, dass ich nach einem Tag ‚Windeln-Stillen-Aufräumen-Wäsche-waschen-Kleinkind bespaßen-Irgendwas-zum-Essen-organisieren-Baby-in-den-Schlaf-schuckeln‘ abends neben meinem Freund apathisch auf dem Sofa sitzen kann, statt meine Kinder und mich weichgezeichnet auf sämtlichen Plattformen zu präsentieren, mir irgendwelche Hashtags zu überlegen oder fremden Menschen auf ihre langweiligen Kommentare antworten zu müssen, um mehr Fans zu generieren. Bis ich auch ohne Millionen Follower einen Beststeller veröffentlich habe und mir davon Jimmy Choos kaufen werde, wird wohl noch etwas Zeit ins Land ziehen. Bis dahin werden wir weiterhin sein Geld teilen und sparsam leben, was so einfach ist mit kleinen Kindern – man hat ja eh keine Zeit für nichts.