JEDER HORST WIRD INFLUENCER

Freitag, 14 Uhr, London, Battersea Park. Ich sitze auf einer Bank und blicke auf den Teich und auf die Enten. Mein Baby schläft in der Trage, mein Zweijähriger buddelt zehn Meter entfernt im Sandkasten. Die Sonne glitzert im Wasser und man könnte es den ersten schönen Frühlingstag nennen. Ich blicke an mir herunter und sehe alte Turnschuhe und eine Fleecejacke. Drei Jahre zuvor, als ich hochambitioniert mein One-Way-Ticket nach London einlöste, hätte ich noch jede Wette unterschrieben, dass ich an einem Tag wie heute gerade von einem fancy Lunch mit internationalen Kollegen kommen würde, irgendwo auf der Oxford Street, im Kopf schon den vollgeplanten Abend. Ich meine Leute, es ist London Fashionweek und hallo, ich arbeite natürlich für die „Vogue“. Wenn ich mich an so einem Freitag betrachten würde, wären da keine Jogginghosen, sondern ein royalblaues Chanelkostüm und goldene Jimmy Choos.

Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne. Und bei der „Vogue“ hat bisher noch kein Schwein von mir gehört. In meinem Leben, das nicht aus Redaktionsmeetings und Pressereisen, sondern aus Spielgruppen und Kindercafés besteht, fällt das aber zum Glück niemandem auf. Die Male, die sich in den letzten drei Jahren jemand nach meinem Berufsleben erkundigt hat, kann ich an einer Hand abzählen. „Ich bin Redakteurin. Also eigentlich Chefredakteurin. Also, äh, ich hatte mal mein eigenes Magazin. Aber ich weiß gerade nicht, wie ich irgendwas machen soll.“ Eine weitere Nachfrage nach meiner dahingenuschelten Antwort gab es nie.

Nicht zu wissen, wie es für mich beruflich weitergeht, hat uns bisher ja scheinbar nicht davon abgehalten, hier einen auf Familie zu machen. Doch seit von ‚Verknalltheitsphase‘ keine Rede mehr sein kann, stellen sich bei mir erste Zweifel ein. Und bäm ist er da – der Wunsch nach Absicherung und Verwirklichung fern vom zähen Mami-Alltag. Und ja, ich kann mir noch so oft einreden, dass es ein Geschenk ist, dass ich mich gerade nicht wegen einer Vollzeitstelle vierteilen muss und das mich und niemand anderen zur Expertin meiner Kinder macht. Aber die Realität ist: Mein Freund zahlt in die Rente ein, während meine Karriere Pause macht und ich auf unsere Kinder aufpasse. Und damit mir das nicht eines Tages zum Verhängnis wird, muss ich jetzt was tun.

In England kostet ein Kindergartenplatz ab 1200 Euro aufwärts im Monat. Arbeiten zu gehen muss sich also wirklich lohnen. Doch was soll ich machen, was mich so begeistert, dass ich mein Baby und mein Kleinkind für diesen stolzen Preis fremdbetreuen lasse? Wenn man so mediengeil ist wie ich, würde es so unglaublich nahe liegen, einen Mummyblog zu starten oder Youtube-Mum zu werden. Eine Mutter aus dem Baby-Yogakurs hat mit ihren täglichen Fotos von ihrem Kind unter dem Hashtag #mixedbaby binnen drei Monaten über 20.000 Follower generiert und bekommt jetzt immer irgendwelche Produkte, die sie bewerben soll, nach Hause geschickt. Das Baby sieht zwar auf jedem Bild todtraurig aus, aber die Mutter strahlt gestylt in die Kamera. Wenn man von 100 Bildern dann täglich eins zum posten raussuchen und den Beitrag entsprechend texten muss, um danach im Sekundentakt auf Aktualisieren zu drücken, um zu checken, wieviele Likes er bekommt, kann so ein Jahr Elternzeit auch schnell rumgehen…

Als narzisstische Person kann ich das Adrenalin bei der Vorstellung eines ‚Millionenpublikums‘ natürlich verstehen. Gäbe es da nur nicht ein Problem: Ich kann die ganze Influencer-Nummer nicht ertragen und habe null Respekt vor Menschen, die Selfies machen und diese als Werbeposts veröffentlichen oder ihren Followern nichtssagenden Stuss in die Kamera erzählen. Selbst etablierte Schauspieler müssen mit 45 noch private Videos teilen, um am Ball zu bleiben. Und in diesen Clips passiert nichts Spannenderes, als das einer eine Fratze zieht oder sich zwei Gesichter tauschen oder einer ein Teddy wird. Ich verstehe jeden, der dieses Phänomen für sich ausnutzt, um damit Geld zu verdienen. Aber in einer Welt, in der eine Kim Kardashian berühmter ist, als Amy Winehouse es je geworden wäre und in der es reicht, „Hi, ich bin es wieder ihr Lieben, schön, dass ihr da seid, heute zeige ich euch die versprochene Roomtour inklusive Babyzimmer!“ in die Kamera zu sagen, um sich Star zu nennen, kann ich nicht mitspielen. Selbst, wenn man es wie ganz wenige schafft, einen authentischen Kanal aufzubauen (aka Tova Leigh!!!) und dem eigenen künstlerischen Anspruch damit irgendwie gerecht zu werden. Ich würde nur im Strahl kotzen, müsste ich mich selbst dabei filmen, von meinem belanglosen Tag zu erzählen. Und das will ja nun wirklich niemand sehen.

Die Sonne kommt wieder raus, das Baby wacht auf und der Große hat Hunger. Und ich nehme mir für die nächsten Spielgruppen vor, falls die ‚Und-was-machst-du-so‘-Frage kommt, zu antworten: „Ich bin Mama und schreibe gern und alles andere wird sich ergeben.“ Das klingt vielleicht nicht aufregend, aber es ist meine Wahrheit. Auch wenn es unheimlich schwer ist, mit kleinen Kindern, die 24/7 um einen herumscharwenzeln, in dem Dschungel an Verpflichtungen und Möglichkeiten, der sich Müttern bietet, seinen eigenen Weg herauszufinden – zumindest ohne sechs Wochen auf dem Jakobsweg darüber sinnieren zu können.

Irgendwie bin ich auch froh, dass ich nach einem Tag ‚Windeln-Stillen-Aufräumen-Wäsche-waschen-Kleinkind bespaßen-Irgendwas-zum-Essen-organisieren-Baby-in-den-Schlaf-schuckeln‘ abends neben meinem Freund apathisch auf dem Sofa sitzen kann, statt meine Kinder und mich weichgezeichnet auf sämtlichen Plattformen zu präsentieren, mir irgendwelche Hashtags zu überlegen oder fremden Menschen auf ihre langweiligen Kommentare antworten zu müssen, um mehr Fans zu generieren. Bis ich auch ohne Millionen Follower einen Beststeller veröffentlich habe und mir davon Jimmy Choos kaufen werde, wird wohl noch etwas Zeit ins Land ziehen. Bis dahin werden wir weiterhin sein Geld teilen und sparsam leben, was so einfach ist mit kleinen Kindern – man hat ja eh keine Zeit für nichts.

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