NEUE REGELN VON DER MUTTI

Die Tür geht zu, sie sind weg. Und ich bin zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit allein. 
Vor mir liegen zwei Stunden, 120 Minuten, 7200 Sekunden ganz für mich. Ich will die Zeit so effektiv wie möglich nutzen. Mein Kopf rast, was soll ich tun? Alte Talente wiederentdecken und ein Bild malen? Seit Jahren mal wieder Geige spielen? Mit vergessenen Freunden telefonieren? Tanzen? Laut schreien? Meditieren?

Die ersten fünf Minuten sind verflogen und ich sitze immer noch wie erstarrt da. Wer bin ich und wo will ich hin? Meine beiden Männer sind also unterwegs. Den einen habe ich gerade noch gestillt, frisch gewickelt, für den Spaziergang angezogen und zum Abschied geknuddelt und geknutscht. Den anderen habe ich heut morgen schon angeschrien, dass bei anderen alles besser und Trennung die einzige Lösung ist, ihn den restlichen Vormittag beleidigt ignoriert und kurz vorm Gehen gerade nochmal alle Vorwürfe gesammelt an dem Kopf geknallt. Der erste ist fünf Monate alt und unser so lang ersehnter, wunderschöner, perfekter Sohn. Der andere ist mein 30-jähriger Freund. Seit zehn Minuten sind sie weg.

Ich gehe in die Küche und gieße mir ein randvolles Glas Wein ein, verschlinge alles Essbare, was ich auf die Schnelle finden kann, zünde mir eine Zigarette an und setze mich auf den Balkon. Und stelle fest, dass ich in der letzten halben Stunde so ziemlich alle Regeln gebrochen habe, die ich mir vor der Geburt unseres Sohnes auferlegt habe: 1. Nicht vor dem Baby streiten. 2. Meinen Freund mit unserem Kind machen lassen, was er will. 3. Sich nicht im ersten Babyjahr trennen. 4. Aus Frust weder fressen, literweise saufen noch rauchen. 

Das Rad im Kopf dreht sich: Wenn ich weiterhin vor unserem Sohn so rumschreie, wird er den gleichen Schaden von seiner Mutter bekommen wie ich von meiner. Wenn ich mich weiterhin in die gemeinsame Zeit meines Partners mit unserem Kind einmische und jede seiner Regungen beurteile, wird die Kluft zwischen uns stärker und ich zur Helikopter-Mum. Wenn ich meine regelmäßigen Drohungen wahrmache und mich trenne, mache ich meinen schlimmsten Albtraum war und mein Sohn wächst ohne seinen Vater auf. Wenn ich als Spontanreaktion auf Stress in Zukunft weiterhin zu viel esse, rauche oder trinke, werde ich bald eine sehr dicke, nach Qualm stinkende Alkoholiker-Mutter sein. Ich atme tief durch (und nehme einen langen Zug und einen großen Schluck Wein) und beschließe: Das, was hier bei uns gerade passiert, ist scheiße. Zu viel Druck von allen Seiten. So kann es nicht weitergehen. Zeit für neue Regeln.

Vergleiche dich nicht mit anderen!

Gilt schon im Kindergarten, später in der Schule und jetzt also auch im ersten Jahr als Mutter. Doch was macht mein selbstzerstörerisches Ich, sobald es einen Moment der Ruhe gibt? 
Ich checke online die Videos und Profile anderer Mütter. Von der finnischen Youtube-Mum von zehn Kindern, die jeden Morgen 3.30 Uhr mit Yoga begrüßt und deren Haus in jedem Video minimalistisch glänzt bis zur Sara Playmate-Harrison, deren Bodybuildermann sie auf jedem Instagram-Bild auf Händen trägt. Ich scheine 13 Jahre alt zu sein und vergessen zu haben, dass die Basis des Erfolgs als „Realitystar“ aka Influencer darin besteht, für die Außenwelt eine real wirkende Welt zu inszenieren. Und dass all die gestellten, glattgebügelten, gefilterten und todlangweiligen Bilder dieser Aufmerksamkeitssüchtigen, immer gut gelaunten Menschen so wirklich gar nichts mit Realität, geschweige denn Alltag, zu tun haben. Vielleicht sehe ich das aber auch zu verbissen, aber meine Idole früher waren ja auch Kurt Cobain und Charles Bukowski und nicht Bibi Heinicke oder Isabeau. Mir diesen Mist in deren Videos länger reinzuziehen, tut weder mir noch meiner Beziehung gut. Also nehme ich mir vor, ab jetzt keine Lebenszeit mehr damit zu verschwenden und stattdessen in der nächsten Pause, wenn das Baby schläft lieber ein Buch zu lesen oder zu masturbieren.

Is it hot in here or is it me?

Nach dem Duschen starre ich zur Zeit oft nackt in den Badespiegel und überlege, zu welcher Baustelle ich zuerst schauen soll. Da wären die mindestens sechs Zentimeter langen kaputten Haarspitzen, die seit über einem Jahr keinen Frisör mehr gesehen haben und von denen auch die von mir selbst aufgetragene missglückte Haartönung von letzter Woche nicht ablenken kann. Da wäre der große, weiße, weiche Bauch, der einem Sandkasten gleicht, in dem ein Kind mit einer Sandspielfigur viele Rillen gezogen hat, mit einem mindestens vier Zentimeter breitem Loch in der Mitte, was wohl früher mal ein Bauchnabel war. Da wären die durchs Stillen in Mitleidenschaft gezogenen Brüste, die früher mal groß und prall waren und heute das sind, wovor man sich mit 18 fürchtet („Hast du die riesigen Nippel gesehen? Und wie die hängen? Hoffentlich wird das bei uns mal nicht so!“) Und da wären die zehn Kilo mehr. So what?

Schluss mit dem Gejammer! Mein Körper hat monatelange Schwerstarbeit geleistet und dafür, dass ich mich in der Schwangerschaft gefühlt verdoppelt habe, sehe ich doch schon wieder spitze aus und statt bis vor kurzem noch zwei „Ben&Jerry“-Eisbecher die Woche, brauche ich jetzt nur noch drei Schokomuffins am Tag. Und die Vorstellung, wie ich durch 100 Squats am Tag endlich den Latinopo bekomme, den ich immer haben wollte oder mit Baby in der Trage durch Millionen Situps das Bauchfett angehe, das schon seit meiner eigenen Geburt nie weggehen wollte, bleibt halt, was es ist – eine Vorstellung. Fakt ist, dass alles okay ist, sonst würden die Hände meines Freundes nicht jede Nacht zu mir rüber wandern und die Zeit bis zum Sommer ist noch lang.

Genieße die Zeit mit deinem Kind!

Es gibt viele Sätze, die einem gesagt werden, wenn man ein Kind bekommt: „Schlafe, wenn das Baby schläft. Verschafft euch Zeit zu zweit. Es ist okay, wenn zuhause mal was liegen bleibt.“ Was für ein Schwachsinn! Niemand schläft, wenn das Baby schläft – dann wird aufgeräumt und in der Zeit, die die man eigentlich zu zweit nutzen sollte, schläft man ein. Einen Ratschlag gibt es aber, auf den man hören sollte: „Genieße es, in Sekunden sind sie groß.“ Wie heftig, es stimmt, er ist ein halbes Jahr! Und ich will keine Zeit mehr verschwenden und aufhören, mich schlecht zu fühlen, weil ich es aktuell nicht hinkriege neben dem Mama sein noch einen Bestseller zu schreiben oder einen Weekendtrips mit Freundinnen zu genießen. Klar wäre das Till-Schweiger-Film-mäßig-schön. Aber niemand hat so ein Leben und niemand ist perfekt! Und viel wichtiger ist doch, dass ich dafür gerade keine Zeit finde, weil ich im Hier und Jetzt stundenlang unseren Sohn anstarren muss, der mit seinen schwarzen Locken und dem ganzen Gesabber einfach zu köstlich ist.

Wie er sich jeden Tag verändert und wir das kleinste Detail davon wahrnehmen und das uns und sonst niemanden zu Spezialisten unseres Kindes macht. Und selbst wenn ich meinen Freund weiterhin dafür kritisieren werde, dass es für ihn neben Essen und Sex scheinbar nur FC Arsenal gibt, wird es nie jemand anderen geben, der unseren Sohn so gut kennt wie er. Ich höre den Schlüssel in der Tür – was, schon zwei Stunden rum? Gott hab ich sie vermisst!

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