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RASSISMUS IN DER VORSTADT – SOLLEN WIR ALS FAMILIE GEHEN ODER BLEIBEN?

Vor fünf Jahren habe ich Deutschland verlassen, weil ich mich hier mit meinem Mann mit dunkler Hautfarbe immer unsicherer fühlte. Jetzt sind wir als Familie mit zwei kleinen Kindern zurück. Eine Bestandsaufnahme.

Mir geht es gut! Beim Reisen durch Asien verliebte ich mich in den letzten 24 Stunden in Bangkok in einen Briten, dessen Eltern aus Ghana kommen. Zurück in Deutschland kam er mich in Dresden besuchen. Und dann flog ich zu ihm und er wieder zu mir. Nach einem Jahr Fernbeziehung hatten wir vom Fliegen die Nase voll und ich buchte das One-Way-Ticket nach London. Uns geht es viel zu gut! Die Entscheidung, dass ich zu ihm und nicht er zu mir zog, fiel damals leicht. Ich wollte auf der Straße nicht mehr schon aus zwanzig Metern Entfernung angestarrt werden, nur weil die eine Hand von zwei Händen, die sich halten, dunkler als die andere ist.

Ich wollte nicht jedes Mal froh sein müssen, dass wir bei einem Ausflug ins Grüne mal ausnahmsweise keine starren Blicke bekamen. Ich konnte dem nicht standhalten, ich war dafür zu sensibel. Und hatte keine Geduld zu warten, ob ich mich in der Provinz als Paar unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe doch noch eines Tages wohlfühlen kann, wenn es sich zeitgleich in Metropolen wie das Natürlichste der Welt anfühlt.

Drei Jahre, eine Hochzeit und zwei Kinder später. Allgegenwärtige Rassismusprobleme sind für uns als Paar in London nicht mehr existent. Dafür wurde am 23. Juni 2016 der Brexit gewählt. Und für mich als Ausländerin fängt die unsichere Zukunft dieses Landes an zu nerven. Gefolgt vom verzweifelten Wunsch nach bezahlbaren Kitaplätzen, bei denen ich nicht mein komplettes Gehalt in die Kinderbetreuung stecke, und vom Bedürfnis nach einer Wohnung, für die man vielleicht 1400 Euro zahlen muss, aber dafür mehr hat als 50 Quadratmeter. Also bewerben wir uns in Berlin, mieten ein schickes Haus am Rand der Stadt, melden die Jungs in der lokalen Kita an, wundern uns über so manche Probleme der Deutschen und genießen die neue, praktischere, finanziell soviel bessere Situation.

Doch bähm sind die alten Probleme wieder da. Nur mit kleinen Kindern im Schlepptau noch einen ganzen Zacken schärfer. Wenn die Tagesmutter mit unseren Kindern unterwegs ist und hinter ihr getuschelt wird, „guck mal, das ist die, die jetzt auch Flüchtlinge aufnimmt.“ Wenn wir am Wochenende spazieren gehen und ein Typ zehn Meter entfernt auf meinen Mann zeigt und laut „Guckt mal, ein N*!“ ruft. Wenn ich in einem Spielcafé gefragt werde, ob das mein Kind ist, das in der letzten Stunde mindestens zehnmal in meine Richtung ,Mama‘ gerufen hat. Wenn mein Mann an dem Bahnhof, von dem er täglich zur Arbeit fährt, wöchentlich angehalten wird, um seinen Ausweis zu zeigen.

Wenn ich von jeder dritten Mutter im Dorf gefragt werde: „Und, ist es okay für euch hier? Habt ihr schon schlechte Erfahrungen gemacht?“ Und ich mir denke, äh ja, ist es denn okay für dich? Und welche Erfahrungen meinst du, bis auf das schlechte kulinarische Angebot oder den hässlichen Spielplatz? Wenn ich ohne mit der Wimper zu zucken gefragt werde, ob es stimmt, was man über „sie“ sagt und die interessierte Person dabei auf den Teil der Hose meines Mannes blickt, unter dem er oder sie seinen Schwanz vermutet und so eine Situation nicht nur einmal vorkommt. Wenn beim Kinderturnen ein Junge mehrmals mit dem Finger auf meinen Sohn zeigt und laut „Der sieht ja komisch aus“ ruft und seine Mutter, die direkt neben ihm steht, es nicht für nötig hält, diese Aussage zu kommentieren.

Wenn der Ferienwohnungsbesitzer uns zur Begrüßung „Na, zu viel Sonne abgekriegt?“ entgegenschmettert und ich vor lauter Fremdscham am liebsten die Tür so schnell aufreißen würde, dass er im hohen Bogen den Hang zum Meer runterpurzelt. Wenn die Zahnarztassistentin meint, während mein Mann direkt daneben steht: „Nach der Operation am besten die Sonne vermeiden, aber die braucht er ja eh nicht, nicht wahr“ und ich nur nüchtern zurückfrage: „Warum braucht er die nicht?“ und sie sich leicht panisch zu ihrer Kollegin dreht.

Wenn mein Sohn in der Garderobe auf eine Mutter und ihr Kind zugeht und laut ,Guten Morgen‘ ruft und sie ihm abschätzig „Lass das bitte“ zuraunt, und ich von Müttern mit weißen Kindern höre, wie nett sie immer ist. Wenn mir am Kitator vor zig anderen zugerufen wird: „Hey, wie geht’s? Hast du schon gesehen, es gibt jetzt noch zwei andere? Cool, oder!“ und mit den ,anderen‘ die neuen Kinder im Dorf gemeint sind, deren Mutter aus der Dominikanischen Republik stammt. Wenn mir ein halbes Jahr nach unserer Ankunft so nebenbei erzählt wird, dass die letzte Familie mit dunkler Hautfarbe auf fiese Art und Weise aus dem Ort vertrieben wurde und der Sohn in der Kita von der Erzieherin gemobbt und verletzt wurde und diese Frau trotzdem ihren Job behält.

Wenn ich einen Flyer für meine Spielgruppe gestalte, auf der Kinder unterschiedlicher Hautfarbe miteinander spielen und mir ganz euphorisch mitgeteilt wird: „Voll lustig, deine Söhne sind auch mit drauf“. Wenn ich nach einem heftigen Streit mit meinem Mann die Flucht ergreife und heulend auf einer Parkbank sitze und nach ihrem Nachfragen einer fremden Frau mein Leid darüber klage, wie stressig es ist, mit kleinen Kindern die Beziehung am Leben zu erhalten. Und sie großes Verständnis für das Thema zeigt, es wäre bei ihr nicht anders gewesen. Als mein Mann auf mich zukommt, um den Streit zu schlichten, mir in die Seite stupst und flüstert: „Schnell weggucken, da ist schon wieder so einer, die denken echt, die können das hier bei uns machen.“

Wenn ich an einem Freitagmorgen auf dem Aldi-Parkplatz mein Fahrrad abstelle und eine Frau erst mich und dann meine Kinder abscannt, um danach aus ihrem grauen Polo zu rufen: „Sie wissen schon, dass Sie hier auf einem Parkplatz stehen?!“ Und mit einem Ruck ansetzt und auf meine Kinder, die im Anhänger sitzen, zurollt und ich schnell mit ihnen zur Seite springen muss. Rechts und links neben uns reihen sich zahlreiche freie Parkplätze. Wenn jemand meinen Söhnen ungefragt in die Haare fasst und das okay findet, weil es nur „nett“ oder „interessiert“ gemeint ist. Es ist nicht okay! 

Die zwei wachsen in einem liberalen, zweisprachigen Haushalt mit unterschiedlichen Hautfarben auf – damit sind wir hier im ,Vorstadt-Speckgürtel Ostberlins‘ definitiv eine Bubble. Was ist die Konsequenz? Wieder Wohnung, Job und Freunde aufgeben und alles zusammenpacken, obwohl wir mit kleinen Kindern nicht mehr mitten im Zentrum einer Großstadt wohnen wollen? Auf all die anderen hören, die gar nicht verstehen können, wie wir überhaupt auf die Idee gekommen sind, es könnte hier schön für uns werden und bei denen ich mir immer nur denke, du würdest das doch auch nutzen, wenn du ein schönes Haus findest und Landluft magst und dir dieses Programm auf der anderen Seite Berlins nicht leisten kannst.

Die Jungs lieben den täglichen Gang zum Bauernhof und strahlen auf ihren Laufrädern dabei um die Wette. Nichts im Vergleich zu den nervenaufreibenden Slalomrennen mit dem Kinderwagen durch die Stadt. Und auch wir fühlen uns beim spontanen Lagerfeuer im Garten viel befreiter als in muffigen Bussen zum nächsten Pub. Ich habe einen Elterntreff für die Gemeinde gegründet, wir gehen hier einkaufen und auf alle lokalen Feste und sind fest integriert. Mein Mann ist der festen Überzeugung, dass die Vorteile für uns hier überwiegen. Er liebt das große Haus und würde so einiges auf sich nehmen, um nicht so schnell schon wieder Umzugskisten packen zu müssen. Aber zu welchem Preis? Unsere Realität zeigt zwei quietschfidele, strahlende, wilde, euphorische, zauberhafte, wunderschöne Jungs. Und wenn wir bisher ab und an auf Idioten getroffen sind, konnten wir das gut abschirmen und ich wage zu behaupten, dass es bisher keiner geschafft hat, ihnen nur ansatzweise das Gefühl zu geben, minderwertig zu sein.

Aber der Realität müssen wir trotzdem ins Auge schauen. Wir werden hier immer die Exot*innen sein. Das muss man wollen. Bei mir bleibt ein schales Gefühl – ich will es nicht. Montagabend, ich gebe in einer nahen Kleinstadt einen Kurs für Kreatives Schreiben. Die Teilnehmerinnen sind kultivierte, herzliche Frauen. In einer der Übungen sollen sie eine Minute ihres Tages, die ihnen im Kopf geblieben ist, detailliert beschreiben. Eine der Frauen liest ihren Text im Anschluss vor. Es handelt sich um die Herausforderung für sie als Erzieherin, dass ihre Chefin ihr heute ohne Vorwarnung ein „farbiges“ Kind anvertraute. Wie würden die anderen Kinder wohl reagieren?

Als ich später durch die Dunkelheit über die Dörfer nach Hause brettere, tropfen die Tränen auf das Lenkrad. Im Kopf immer wieder der Brief meiner Oma, „Kind, das ist jetzt euer Zuhause, Punkt.“ Mein Mann wird in der Nacht noch zu hören bekommen, dass wir Ende des Jahres in die Stadt ziehen. Denn ich habe als Mutter von zwei kleinen Gurken ganz andere Probleme als rassistische Ignoranten, auf die ich mich in Zukunft konzentrieren will und muss. „Wir bezahlen diesmal ein Umzugsunternehmen, Baby!“ Uns geht es gut!

WIR SIND DANN MAL HIER – VON KITA-FERIEN UND ANDEREN KATASTROPHEN

Nächste Woche beginnen die großen Sommerferien, erfahre ich so nebenbei im Gespräch mit Freunden, die schon ältere Kinder haben. „Habt ihr ein Glück, dass ihr euren Urlaub noch planen könnt, wann ihr wollt.“ Äh ja, genau, großes Glück. Ist ja auch nicht so, dass ich das Thema sechswöchige Ganztagsbetreuung in Form von Ferienlager und Oma-und Opa-Wochen nicht erwarten kann. Der angebliche Vorzug, mit einem Dreijährigen und seinem einjährigen Bruder mehrwöchige Urlaube außerhalb der Ferienzeiten zu planen, ist für mich nicht ganz so ersichtlich – besonders heute Morgen. Schließlich hat sich der gestrige Nachmittag voller Streitereien wieder mal sehr lang gezogen und beim Einschlafen lief es auch stundenlang nicht anders.

„Schönen Urlaub!“ wünscht mir die Erzieherin, als ich die Räuber nach zweistündigem morgendlichem Machtkampf zu Hause zu meiner Lieblingszeit des Tages, nämlich um 9 Uhr, in die Kita bringe. Okay, ich sehe mal wieder echt fertig aus und für gewaschene Haare, ein gut sitzendes Kleid oder Make-Up hat es mal wieder nicht gereicht – aber muss man denn so direkt sagen, dass ich reif für eine Auszeit bin? Oder weiß sie was, was ich nicht weiß und mein Mann hat endlich den Rom-Trip für uns Zwei organisiert, mit dem ich ihm seit Monaten in den Ohren liege und ich werde hier gerade überrascht wie im schönsten Hollywoodfilm?

Ich starre geschockt auf den Zettel, den sie mir eine Minute später unter die Nase hält. „Urlaub Familie B.: 10. bis 28. Juni“. Sie hat sich mittlerweile zwar daran gewöhnt, dass ich jede Kita-Angelegenheit – beispielsweise Buffets vorbereiten oder für den Fototermin schick machen – vergesse, aber ihr Blick verrät, dass ich es gerade trotzdem schaffe, sie mit meiner Verpeiltheit noch zu überraschen. Woher kenne ich diesen Zettel, überlege ich verkrampft und so langsam dämmert es.

Sechs Monate zuvor hatte ich das Ding im Kita-Fach meines Sohnes gesehen. Die Jahres-Urlaubs-Planung unserer Kinder. Zwei ganze Wochen Kitafrei am Stück will die Leitung festgelegt haben. Mich befiel beim bloßen Hinschauen ein Beklemmungsgefühl, wie es sonst nur Anwaltsschreiben und Steuerbescheide verursachen können und ich machte das, was ich in so einer Situation am besten kann: den Zettel wieder zusammenfalten und verschwinden lassen.

Ein Monat später fuhr die Kitaleitung drastischere Mittel auf und legte mir eine Verwarnung ins Fach. „Erste Mahnung. Verstoß: fehlende Urlaubsplanung.“ Großer Gott, wie soll ich denn Anfang des Jahres wissen, wann ich Bock auf Urlaub habe? Und bitte wie legt man sich in diesem Leben überhaupt auf irgendwas fest, was nicht nächste Woche stattfindet. Ich krakelte irgendein Datum hin, was im kalten, düsteren Januar nach Sommer aussah und widmete mich wieder den streitenden Gurken.

Nun ist besagtes Datum also gekommen und die Erzieherin blickt immer noch fragend und ich komme so langsam aus meiner Schockstarre. „Neeeeeeeein!“ brülle ich bei der Vorstellung von zwei Wochen kitafrei. Die Gurken verschlucken sich an den fünf Trinkbechern voller Wasser, die sie am Getränkewagen mal wieder übereinander stapeln, während andere sich brav anziehen. Und ich improvisiere: „Das habe ich total vergessen. Mein Mann bekommt keinen Urlaub, hat sich ganz spontan rausgestellt. Äh, gestern. Die haben ein neues Projekt. Erzählen Sie denen mal was von Familienmodell… .“ „Ich muss nicht nur zwei Wochen planen, sondern meinen kompletten Jahresurlaub“, entgegnet sie ohne Mitleid.

Um aus der Nummer wieder rauszukommen, muss ich ganz schnell härtere Geschütze auffahren und setze auf die letzte Karte: „Ich hätte das gestern direkt mit Ihnen klären müssen. Das tut mir leid. Aber es ist leider untergegangen. Bei uns läuft es gerade nicht gut.“ Von der baldigen Single-Mum zur Erzieherin Mitte Zwanzig ohne Kinder. Das muss doch Sympathien schaffen. Auch wenn ich ab jetzt mit mitleidigen Blicken und mein Mann vermutlich mit Flirtoffensiven rechnen muss. Den Preis ist es mir wert. War ja auch wirklich nicht leicht zwischen uns, in letzter Zeit.

Ich renne hoch zur Leitung und versuche meinen Albtraum, ab nächsten Montag allein zwei Wochen auf meine Kinder aufzupassen, mit viel Überredungskunst und ganz viel Schleim zu entgehen („Diese Bambus-Hütten, die sie neu aufgestellt haben auf dem Spielplatz, die sind sooo geschmackvoll!“ „Ja danke, die haben wir seit fünf Jahren. Die Urlaubsplanung ist aber durch.“) Ab heute Nachmittag ist also Urlaub – ob ich das will, oder nicht.

Erschüttert fahre ich zu meinem ersten Termin beim Beautydoc, um 30 Euro dafür zu zahlen, dass er mir erzählt, wie ich nach zwei Stillphasen meine Brüste straffen lassen kann. Er scannt mich von oben bis unten kurz ab, nennt mich Bridget Jones und meine Brüste nicht eingriffsbedürftig. (Yeah!) Aber wenn ich sie so stramm wie mit 20 haben will, könnte ich in ein paar Monaten wieder kommen, wenn die Frustkilos runter sind und ich nicht mehr so gestresst bin. „Ein Urlaub kann nicht schaden?“

Leicht geschockt sitze ich im Auto und rauche eine Zigarette. Bridget Jones. Geht’s noch? Da piept das Handy mit einer Ereigniserinnerung, die ich definitiv auch über eine sehr lange Zeit ignoriert habe: der Muddy Angel Run. Stimmt ja, bei dem Fünf-Kilometer-Schlammlauf, der laut Handy schon nächsten Samstag stattfindet, hatte ich mich im März hochmotiviert den Mädels aus dem Sportkurs angeschlossen. Das sollte der Startschuss sein für einen Diät-Countdown vorm Urlaub. Konnte ja keiner wissen, dass mir eine mehrmonatige depressive Phase mit sechswöchiger ambulanter Therapie, Antidepressiva, absoluter Bewegungsuntauglichkeit und zehn Kilo mehr dazwischen kommt. Und ich die letzten Monate Serie guckend auf dem Sofa, statt joggend über die Felder verbracht habe. Von der vergessenen Urlaubsplanung ganz zu schweigen.

Meine „absolut okayen“ Brüste und Bridget Jones fahren nach Hause und gehen die Urlaubsplanung an. Die letzten Monate waren hart, aber wenn ich genau hinschaue, befinde ich mich auf verschobene Weise im Hier und Jetzt und habe schon seit geraumer Zeit keine Sehnsüchte mehr, direkt abzuhauen. Das monatelange Ackern an Haus und Garten hat sich letztes Wochenende zum ersten Mal ausgezahlt. Die depressive Phase ist vorbei, der Bambuszaun und die Wimpelkette versprühen ein Stück Indonesien, der Hängesessel mit Blick in den freien Himmel die Welt.

Früher mit einem Kind wochenlang Backpacking auf Bali, letztes Jahr mit zwei Kindern All-inclusive auf Kos. Heute: Die Sonne scheint. Die Jungs sind glücklich über unseren neuen Pool. Mein Mann hat gerade erfahren, dass wir die nächsten zwei Wochen zusammen verbringen und ist offen für alles, „Hauptsache, kein Stress“. Ich leihe von meinen Eltern das Campingzeug aus, falls wir mal an den See wollen. Und ansonsten: Wir sind dann mal hier.

HILFE, DAS DORF RUFT

Wer lebt eigentlich gesünder: der Veganer in der versmogten Stadt oder die Wurstfans vom Dorf mit der frischen Luft?

„Entschuldigen Sie, gibt es hier ein Café, wo man brunchen kann?“, frage ich die einzige Person, die uns während des zehnminütigen Marsches entlang der Hauptstraße, die sich durch das Dorf schlängelt, entgegenkommt. Wir sind auf der verzweifelten Suche nach etwas Essbarem. Sie ignoriert uns und läuft weiter. Heute morgen haben uns meine Eltern, die beim Einzug „helfen“ wollten, auch ignoriert und sind, statt uns die Kinder abzunehmen und uns einfach nur machen zu lassen, als erste Amtshandlung in den nächsten Baumarkt gefahren, um einen Kompost zu besorgen und jeden Zentimeter im Garten mit Gemüsebeeten zu verplanen.

Der Streit mit meiner Mutter darüber, ob ich als 32-Jährige in meinem Reich selbst entscheiden sollte und uns eigentlich irgendwer gefragt hat, ob wir in den nächsten Jahren überhaupt Gemüse essen wollen, ist natürlich eskaliert und die Zwei kurz darauf wütend abgezogen. Zurück blieben wir Vier – ein Brite, der auf deutsch „Schönes Wochenende“ sagen kann und in seinem Leben bis auf zahlreiche internationale Single- Trips seine Heimatstadt London noch nie verlassen hat. Seine Freundin, die sich in diesem Moment fragt, wie viel Kraft uns dieses Lebensumkremplungsprojekt eigentlich schon gekostet hat und ob der Streit vorhin der Tiefpunkt war, ab dem alles besser wird oder erst der Anfang. Und unsere zwei Gurken, denen alles egal ist, Hauptsache, es gibt gleich was zu essen.

Es wird schlimmer. Beim einzigen Bäcker gibt es nur einen Stehtisch, der schon von drei Handwerkern besetzt wird und für einen zweijährigen Terrorzwerg und ein robbendes Baby sowieso keine Option darstellt. Und im lokalen Edeka, an dem man mit Blick auf den Parkplatz gemütlich sitzen kann, gibt es nur Zuckerkuchen oder Bockwurst. Wir haben zwei Mastercards („Wat soll dat denn sein, nee, hier nur mit Bargeld“) und die Jungs und ich teilen uns von fünf Euro Münzgeld freudig die Bockwurst und ein Stück Kuchen. Mein Freund, der weder Brötchen noch Schwein isst, bekommt eine Caprisonne. Wir werden in den nächsten Monaten noch oft feststellen, dass man hier bei jedem Ausflug Bargeld braucht und das kulinarische Angebot selten über Pommes, Wiener und Limo hinausgeht.

Ich denke an das große Ziel, das wir mit unserem Länderwechsel und dem Neuanfang hier vor Augen hatten: den horrenden Miet- und Kitapreisen in Großbritannien zu entfliehen, um hier ein tolles, neues, besseres Leben aufzubauen. Okay, unser Lunch gerade kam auf nur fünf Euro, dafür bekommt man in London höchstens Kaugummis. Aber in dieser Sekunde würde ich mein ganzes Erspartes für den Avocadotoast aus unserem Lieblingspub mit der großen Spielecke geben. Doch dann erinnere ich mich wieder daran, dass jeder Gang zum Brunch damals wirklich unser halbes Erspartes auffraß und wie genervt ich von den Millionen Menschen auf der Straße auf dem Weg dahin war und mir die britische Höflichkeit oft nur fake vorkam und ich die Direktheit der Deutschen vermisst habe. Zurück auf dem Grundstück meint unser Nachbar, den ich von meinen geliebten englischen terraced houses und Spaziergängen an der Themse erzähle: „Hier fließt die Wuhle, da könnt ihr lang laufen, da kommt ihr nach Marzahn.“

Wir blicken uns um. Hier liegt sie vor uns, die Chance, dass unsere Kinder in einem Villa-Kunterbunt-ähnlichem Haus im Grünen aufwachsen, wie ich es mir als Stadtkind so oft erträumt hatte. Noch ist die Terrasse kaputt und alles verwildert und noch gibt es keinen Zaun und weniger Privatsphäre als im Plattenbau. Aber die Vision ist da – wir müssen es nur angehen. Jackpot, meinen die Leute, bei der aktuellen Wohnungslage in der Hauptstadt ein absoluter Glücksgriff. Ich verbringe die ersten Wochen jeden Abend heulend im Bett, so glücklich bin ich. Verstehen muss das niemand, wir leben hier immerhin den vorstädtischen Familientraum. Aber vielleicht war ich noch nicht bereit fürs Dorf oder werde es nie sein.

Von den wenigen Eingeweihten, denen ich von meinen Zweifeln erzähle, kommen Blicke, die eher Ratlosigkeit als Mitgefühl vermuten („Ist sie immer noch nicht angekommen?“ Oder:  „Der Arme, er muss aber auch viel mitmachen“). Mein Freund erinnert mich an die erste Wohnung in London, die wir uns nur mit asiatischen Untermietern leisten konnten, weil wir zufällig keine Millionäre sind und trotzdem gern in Central London wohnten. Nach der Geburt stellten wir fest, dass im Wochenbett checken zu müssen, ob gerade jemand durch den Korridor läuft, bevor man nackt zum Klo rennen kann, um seine Binde zu wechseln, für eine junge Familie nun wirklich eher suboptimal ist. Aber zumindest konnte man die Wohnung schnell verlassen, um zum Baby-Yoga zu gehen und sich auf dem Weg einen Chai Latte holen…

Nichts und niemand kann einen auf das Leben mit Kindern vorbereiten. Und ich bin zum ersten Mal in meinem Leben vom Umziehen müde. Die Jungs lieben den täglichen Gang zum Bauernhof und strahlen auf ihren Laufrädern dabei mehr, als bei den so nervenaufreibenden Slalomrennen mit dem Kinderwagen durch die Stadt. Und auch wir fühlen uns beim spontanen Lagerfeuer viel befreiter, als in muffigen Bussen zum nächsten Pub. Dafür nimmt man dann auch in Kauf, dass selbst das Take-Away-Essen hier grottig schmeckt und findet seinen Kompromiss in monatlichen Trips in die Stadt, um mit anderen internationalen Eltern auf dem so viel schöneren, aber so viel dreckigeren Holzspielplatz veganes Eis zu essen, um danach wieder über die Landstraßen glücklich „nach Hause“ zu brettern.

Auf dem Rückweg vom Edeka stelle ich entsetzt fest, dass sich unser neues Heim 500 Meter entfernt vom Berliner Ortseingangsschild in Brandenburg befindet und dadurch die kostenlosen Kitaplätze, mit denen ich meinen Freund hierher gelockt hatte, für uns entfallen. Ich bestelle ganz schnell den Pool, den er sich gewünscht hat und lass ihn den ganzen nächsten Tag in seiner neuen Werkstatt rumbasteln, für die in einer Wohnung in der Stadt niemals Platz gewesen wäre. Denn um es mit den Worten meiner Oma zu sagen: „Kind, das ist jetzt euer Zuhause, Punkt.“

SCHATZ, ICH KANN DIR MIT DEN KINDERN NICHT HELFEN, ICH HABE HUSTEN

Freitagmorgen, Aldi Parkplatz, irgendwo am Rand von Marzahn. Ich stelle mein Fahrrad ab, mein 2,5- jähriger Sohn und sein 13-monatiger Bruder sitzen mit triefender Nase hinten im Anhänger. Eine Frauenstimme ruft aus einem grauen Polo: „Sie wissen schon, dass Sie hier auf einem öffentlichen Parkplatz stehen?!“ Der Anhänger steht auf einer Parklückenmarkierung, da der Fahrradbereich nicht für Angelegenheiten wie unsere (Frau-allein-mit-zwei-kranken-Kleinkindern-ohne-Auto-beim-Wocheneinkauf) ausgelegt wurde. Es ist Ende April, wir haben 30 Grad Celsius, meine Kinder seit Wochen eine starke Erkältung und der Kühlschrank ist leer. Rechts und links reihen sich zahlreiche freie Parkplätze. Ich trotz Schnappatmung noch ganz in Englandmanier: „Wenn Sie mich freundlich fragen, mache ich gern Platz.“ Frau: „Dann haben Sie mich noch nicht wütend gehört. Ich fahre jetzt los.“ Mit einem Ruck setzt sie an und rollt auf uns zu. Willkommen in Berlin!

Zurück daheim werfe ich einen Blick in das leere 160 Quadratmeter Haus, das ab jetzt unser neues Zuhause werden soll. Und fühle mich ganz verloren darin. Da hilft auch der Anblick unseres Hab und Gutes in der hintersten Ecke nicht, das die zwei cleveren Polen gestern für 800 Euro aus dem LKW vor unserer Tür abgeworfen haben. Dass gestandene Speditionsunternehmen dafür gern mehr als das Dreifache veranschlagen, hat meinen Freund nicht verwundert. Bis er mein Gesicht gestern sah, als die Zwei mit ihrem viel zu großen Laster in unsere viel zu kleine Einfahrt fuhren und meine heiß geliebten Vintage-Teile damit zwar den Weg von London aufs deutsche Dorf geschafft hatten, aber eben nur halbe Spiegel, gerissene Leinwände und mit nur drei Tischbeinen statt Vieren.

Er ist wütend auf die Polen und ich auf den Afrikaner, der den Scheiß eingerührt hat und keine Verantwortung übernimmt. Ich schon weniger britisch: „Wenn du so wenig dafür zahlst, musst du zumindest checken, ob die das Zeug auch ordentlich verpacken, verdammt!“ (Oder eher: „What the fuck! Are you really that stupid! I want a man, not a third child!“) Ich laufe wie ein Tiger im Zoo auf und ab und spreche laut zu mir selbst. Er schaut mich an und ich weiß schon, was jetzt kommt. „Honey, I am sorry, es war doch keine Absicht.“ Und ja, wir machen alle Fehler. Aber die Masche zog nur bei einem Kind und viel Sex und als bei seinem Lachen für mich noch die Sonne aufging und die Welt still stand. Nach Geburt Nummer zwei und Länderwechsel und neu angemeldeten Selbstständigkeit, braucht er eine neue Taktik, um mich nach so einer Nummer wieder runterzuholen.

Zwei Geburten, meine neue Selbstständigkeit und ein Länderwechsel haben ihre Spuren hinterlassen und ich fange an, die Umsetzung des Planes, dass unsere Aufgabenteilung hier ausbalancierter wird (nicht mehr er 100 Prozent Job und ich 100 Prozent Haushalt und Kinder, sondern beide 50/50) anzuzweifeln. Der neue Alltag hier zeigt, dass sich mein Freund auch in Deutschland nach einem langen Arbeitstag auf eine warme Mahlzeit freut und sich trotzdem für einen modernen Mann hält. Dass, auch wenn er es nicht sagt, sein unbefristeter Job mehr zählt als meine Selbstständigkeit, weil er im Jahr eine Null hinten mehr dran nach Hause bringt als ich. Dass der ganze Einkauf-Koch-Wäsche-Scheiß immer noch bei mir hängen bleibt, weil er dafür, dass wir nun in einem Haus wohnen, zwei Stunden täglich unterwegs sein muss und danach alle ist. Auch wenn ich mir eine Stunde im Zug traumhaft vorstelle im Gegensatz zu all dem Mist, den niemand machen will, der jeden Abend auf mich wartet.

Nachdem ich mich eine Woche im Alleingang um unsere kranken Kinder kümmere, all‘ meine Abgaben und Termine verpasse, und in der Zeit scheinbar nicht existiere, zähle ich die Stunden zum Wochenende, damit er mit hilft. Doch wer kommt mit „ganz hohem Fieber“ (38 Grad) heim und legt sich direkt ins Bett? Ich weiß nicht, ob ich lachen oder kotzen soll, renne stattdessen in den neuen Haushaltsraum, knalle die Tür zu und schreie so laut ich kann. Dafür sind die Dinger für all die frustrieren Hausfrauen auf dem Dorf also da. Als ich wieder rauskomme, meint mein Dreijähriger, „Mama, das mag ich nicht“ und ich muss alle Kräfte in mir mobilisieren, zu unterstehen, ihm zu erklären, was ich an meiner Wahl seines Vaters gerade nicht mag.

Es ist 20 Uhr, die kranken Kinder wollen nicht schlafen und ich schaue verzweifelt auf die Uhr, die sagt, dass ich noch 12 Stunden Zeit habe bis zur nächsten Kolumnen-Abgabe. Und denke an den alten Mann vor ein paar Wochen, der erst meinen mit Steckzaunbrettern vollbeladenen Buggy und dann mich anstarrte und meinte, „Sie dürfen nicht so viel tragen, Sie sind doch eine Prinzessin.“ Schultere ich mir in dieser Beziehung zu viel auf? Wo fängt Gleichberechtigung in einer Partnerschaft an und wo hört das Ignorieren der eigenen Bedürfnisse auf?

Mir dämmert, dass meine neue Challenge gar nicht der raue Umgangston der Leute hier ist, sondern meine wirkliche Herausforderung liegt gerade oben mit Männergrippe im Bett. Und deshalb muss ich, die sich seit Tagen selbst mit starker Erkältung plagt, aber natürlich trotzdem funktioniert, diesen Mann dort oben jetzt aufwecken gehen, damit er seine „Ich-nehme-keine-Medikamente, mein-Körper-braucht- einfach-nur-Ruhe“-Egonummer abbläst, verdammt nochmal eine Aspirin und mir die Kinder abnimmt und ich meine Kolumne fertig bekomme, sonst überfahre ich in zehn Jahren noch komplett frustriert wie die Alte vorm Aldi kleine Kinder.

DIESES EINE ZUHAUSE, VON DEM ALLE REDEN, DAS ES FÜR MICH NICHT GIBT

Samstag vormittag, der Mann ist mit den Kindern zuhause. Ich bin auf zweistündigem Shoppingtrip, der keinen Spaß macht, weil nichts passt – daher Kaffee- und Kuchenpause im Starbucks. Mein Blick wandert nach rechts. Drei über 50-Jährige sitzen gemütlich mit ihren Kaffeebechern am Tisch und erzählen sich Geschichten. Sie sehen zufrieden aus. Mein Blick wandert nach links. Eine junge Mutter Anfang 30, mit Kinderwagen, aus dem es brüllt, tippt panisch in ihr Handy, während sie an ihrem Cappuccino nippt. Sie sieht verzweifelt aus. Zu wem von beiden soll ich gehen, um mich über London auszukotzen, was mich heute Morgen mit all den dichten Straßen und gehetzten Menschen mal wieder dermaßen auf die Palme bringt?

Ich schaue auf das Meer auf einem Poster an der Wand und habe die Hoffnung, dass sich das Wasser öffnet und eine unheimlich liebe, alte, weise Frau sich daraus erhebt, mir die Hände auf die Schultern legt und sagt, dass alles gut wird. Wie unheimlich schön und vielversprechend ich die Stadt fand, als ich vor drei Jahren hierherzogen bin. So eng und festgefahren kam mir alles in Dresden vor. So oberflächlich in Stuttgart. So spanisch in Barcelona. So dreckig in Berlin. London dachte ich, kann es sein und bleiben, so damals der Plan.

Seit ich 18 bin, ziehe ich spätestens alle 18 Monate um. Rastlos sagen viele, auf der Suche, meinen andere. Für mich hat es sich nie so angefühlt. Ich hatte für jeden neuen Lebensstandort die passende Erklärung und an genug Energie für die Umsetzung hat es nie gefehlt. Mit 17 Jahren, als ich im Keller Kassetten aufnahm und heimlich rauchte, dachte ich, das wahre Leben beginnt, wenn meine beste Freundin und ich vom Dorf nach Berlin ziehen. Als ich ein Jahr später arbeitslos und verkatert in Hauptstädter WGs abhing, war ich felsenfest davon überzeugt, dass mir ein Studium im Schwabenland die fehlende Sicherheit liefern würde.

Im Alter von 20 bis 24 quäle ich mich also in Stuttgart durch einen Wirtschaftsstudiengang, dessen Highlight das Auslandssemester in Barcelona war. Danach tingele ich auf Entdeckungsreise durch Südostasien, tanze barfuß am Strand, fahre mit einem alten Moped über fremde Inseln und schlafe mit internationalen Männern. Doch als ich die Tage immer langsamer angehe und Geld ausgebe, das ich nicht habe und meinen Freunden in den doch so vielen einsamen Momenten über WhatsApp mit meinem neuen Carpe-Diem-Lebensgefühl so langsam auf die Nerven gehe, geht es zurück nach Deutschland. Dort kreuzt parallel zur neuen 40-Stundenwoche und festen Pausenzeiten die letzte Begegnung aus Bangkok regelmäßig bei mir auf. 

Nach einem Jahr Fernbeziehung verscherbel ich mein Hab und Gut, packe meinen Koffer und buche ein One-Way-Ticket zu ihm nach London. Manche testen ihre Beziehung dann mehrere Jahre und beginnen einen Bausparplan. Wir zeugten in den ersten 14 Tagen nach meiner Ankunft ein neues Leben. So weit, so gut. Doch zwei Jahre und zwei Umzüge innerhalb Londons später, ist das zweite Kind und die innere Unruhe wieder da und ich stelle erschreckend fest, dass ich immer öfter an Deutschland denke, vor allem an meine Mum und meine Oma. Ich fühle mich lost wie Carrie aus „Sex and the City“ in Paris am Ende der achten Staffel. Nur eben nicht in Paris, sondern im kalten, grauen, nassen London. Und eben nicht in kleinen fancy Cafés oder bei Dior, sondern mit zwei Schreihälsen abwechselnd bei Starbucks oder im TK Maxx. Bin ich nach all den Jahren Hin und Her in London gelandet, um herauszufinden, dass ich eigentlich in Sachsen leben will? Ja, es ist alles krass teuer hier und der Smog ist übel, aber doch immer noch tausend Mal besser als Sächsisch, oder?

Doch wenn ich ganz ehrlich bin, macht das Familienmodel meiner Freunde in Deutschland zumindest aus der Ferne am Telefon mehr Sinn, als das, womit wir uns hier manchmal rumärgern. Und die Vorstellung von bezahlbarer Kitas, einem Haus im Grünen und meinen Eltern als potenzielle Babysitter in der Nähe, klingt auf dem Papier schmackhafter als meine aktuelle Idee, bis zur Einschulung des ersten Kindes nach Ghana zu gehen. Und ich ignoriere mein Herz, das bei der Vorstellung von der Lehrerstelle in Accra und Nachmittagen mit den Kids am Strand laut schlägt und wild hüpft und wir entscheiden uns für den vernünftigen Gewinner der Pro-und Kontraliste: Deutschland.

Mal schauen, ob da wirklich alles besser organisiert ist als hier und es uns im Alltag als Familie mehr Zufriedenheit verschafft. Stolz werden wir alle mal sein, dass wir nicht in Central London geblieben sind, was nur Sinn ergibt, wenn man reich, Single oder 25 ist, sondern für unsere Jungs „was Besseres“ wollten und es angegangen sind, auch wenn das erstmal hart war. Das Meer auf dem Plakat hat sich immer noch nicht geöffnet. Aber als die junge Frau mit Kinderwagen von links aufsteht und geht, wirft sie mir ein optimistisches Lächeln zu.

JEDER HORST WIRD INFLUENCER

Freitag, 14 Uhr, London, Battersea Park. Ich sitze auf einer Bank und blicke auf den Teich und auf die Enten. Mein Baby schläft in der Trage, mein Zweijähriger buddelt zehn Meter entfernt im Sandkasten. Die Sonne glitzert im Wasser und man könnte es den ersten schönen Frühlingstag nennen. Ich blicke an mir herunter und sehe alte Turnschuhe und eine Fleecejacke. Drei Jahre zuvor, als ich hochambitioniert mein One-Way-Ticket nach London einlöste, hätte ich noch jede Wette unterschrieben, dass ich an einem Tag wie heute gerade von einem fancy Lunch mit internationalen Kollegen kommen würde, irgendwo auf der Oxford Street, im Kopf schon den vollgeplanten Abend. Ich meine Leute, es ist London Fashionweek und hallo, ich arbeite natürlich für die „Vogue“. Wenn ich mich an so einem Freitag betrachten würde, wären da keine Jogginghosen, sondern ein royalblaues Chanelkostüm und goldene Jimmy Choos.

Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne. Und bei der „Vogue“ hat bisher noch kein Schwein von mir gehört. In meinem Leben, das nicht aus Redaktionsmeetings und Pressereisen, sondern aus Spielgruppen und Kindercafés besteht, fällt das aber zum Glück niemandem auf. Die Male, die sich in den letzten drei Jahren jemand nach meinem Berufsleben erkundigt hat, kann ich an einer Hand abzählen. „Ich bin Redakteurin. Also eigentlich Chefredakteurin. Also, äh, ich hatte mal mein eigenes Magazin. Aber ich weiß gerade nicht, wie ich irgendwas machen soll.“ Eine weitere Nachfrage nach meiner dahingenuschelten Antwort gab es nie.

Nicht zu wissen, wie es für mich beruflich weitergeht, hat uns bisher ja scheinbar nicht davon abgehalten, hier einen auf Familie zu machen. Doch seit von ‚Verknalltheitsphase‘ keine Rede mehr sein kann, stellen sich bei mir erste Zweifel ein. Und bäm ist er da – der Wunsch nach Absicherung und Verwirklichung fern vom zähen Mami-Alltag. Und ja, ich kann mir noch so oft einreden, dass es ein Geschenk ist, dass ich mich gerade nicht wegen einer Vollzeitstelle vierteilen muss und das mich und niemand anderen zur Expertin meiner Kinder macht. Aber die Realität ist: Mein Freund zahlt in die Rente ein, während meine Karriere Pause macht und ich auf unsere Kinder aufpasse. Und damit mir das nicht eines Tages zum Verhängnis wird, muss ich jetzt was tun.

In England kostet ein Kindergartenplatz ab 1200 Euro aufwärts im Monat. Arbeiten zu gehen muss sich also wirklich lohnen. Doch was soll ich machen, was mich so begeistert, dass ich mein Baby und mein Kleinkind für diesen stolzen Preis fremdbetreuen lasse? Wenn man so mediengeil ist wie ich, würde es so unglaublich nahe liegen, einen Mummyblog zu starten oder Youtube-Mum zu werden. Eine Mutter aus dem Baby-Yogakurs hat mit ihren täglichen Fotos von ihrem Kind unter dem Hashtag #mixedbaby binnen drei Monaten über 20.000 Follower generiert und bekommt jetzt immer irgendwelche Produkte, die sie bewerben soll, nach Hause geschickt. Das Baby sieht zwar auf jedem Bild todtraurig aus, aber die Mutter strahlt gestylt in die Kamera. Wenn man von 100 Bildern dann täglich eins zum posten raussuchen und den Beitrag entsprechend texten muss, um danach im Sekundentakt auf Aktualisieren zu drücken, um zu checken, wieviele Likes er bekommt, kann so ein Jahr Elternzeit auch schnell rumgehen…

Als narzisstische Person kann ich das Adrenalin bei der Vorstellung eines ‚Millionenpublikums‘ natürlich verstehen. Gäbe es da nur nicht ein Problem: Ich kann die ganze Influencer-Nummer nicht ertragen und habe null Respekt vor Menschen, die Selfies machen und diese als Werbeposts veröffentlichen oder ihren Followern nichtssagenden Stuss in die Kamera erzählen. Selbst etablierte Schauspieler müssen mit 45 noch private Videos teilen, um am Ball zu bleiben. Und in diesen Clips passiert nichts Spannenderes, als das einer eine Fratze zieht oder sich zwei Gesichter tauschen oder einer ein Teddy wird. Ich verstehe jeden, der dieses Phänomen für sich ausnutzt, um damit Geld zu verdienen. Aber in einer Welt, in der eine Kim Kardashian berühmter ist, als Amy Winehouse es je geworden wäre und in der es reicht, „Hi, ich bin es wieder ihr Lieben, schön, dass ihr da seid, heute zeige ich euch die versprochene Roomtour inklusive Babyzimmer!“ in die Kamera zu sagen, um sich Star zu nennen, kann ich nicht mitspielen. Selbst, wenn man es wie ganz wenige schafft, einen authentischen Kanal aufzubauen (aka Tova Leigh!!!) und dem eigenen künstlerischen Anspruch damit irgendwie gerecht zu werden. Ich würde nur im Strahl kotzen, müsste ich mich selbst dabei filmen, von meinem belanglosen Tag zu erzählen. Und das will ja nun wirklich niemand sehen.

Die Sonne kommt wieder raus, das Baby wacht auf und der Große hat Hunger. Und ich nehme mir für die nächsten Spielgruppen vor, falls die ‚Und-was-machst-du-so‘-Frage kommt, zu antworten: „Ich bin Mama und schreibe gern und alles andere wird sich ergeben.“ Das klingt vielleicht nicht aufregend, aber es ist meine Wahrheit. Auch wenn es unheimlich schwer ist, mit kleinen Kindern, die 24/7 um einen herumscharwenzeln, in dem Dschungel an Verpflichtungen und Möglichkeiten, der sich Müttern bietet, seinen eigenen Weg herauszufinden – zumindest ohne sechs Wochen auf dem Jakobsweg darüber sinnieren zu können.

Irgendwie bin ich auch froh, dass ich nach einem Tag ‚Windeln-Stillen-Aufräumen-Wäsche-waschen-Kleinkind bespaßen-Irgendwas-zum-Essen-organisieren-Baby-in-den-Schlaf-schuckeln‘ abends neben meinem Freund apathisch auf dem Sofa sitzen kann, statt meine Kinder und mich weichgezeichnet auf sämtlichen Plattformen zu präsentieren, mir irgendwelche Hashtags zu überlegen oder fremden Menschen auf ihre langweiligen Kommentare antworten zu müssen, um mehr Fans zu generieren. Bis ich auch ohne Millionen Follower einen Beststeller veröffentlich habe und mir davon Jimmy Choos kaufen werde, wird wohl noch etwas Zeit ins Land ziehen. Bis dahin werden wir weiterhin sein Geld teilen und sparsam leben, was so einfach ist mit kleinen Kindern – man hat ja eh keine Zeit für nichts.

IMMER WIEDER SONNTAGS

7.30 Uhr: Sonntagmorgen, zu Besuch bei meiner Schwiegermutter. Ich schleiche mich aus dem kleinen Bett, um im Wohnzimmer noch eine Stunde für mich zu haben, bevor die drei Männer, mit denen ich die Nacht verbracht habe, den Tag beginnen. Die Chance, dass ich in zehn Minuten jemanden leise grunzen höre, der in Seestern-Position darauf wartet, von mir an die Brust genommen zu werden, beträgt 95 Prozent. Während ich ihn hochnehme und dabei so leise wie möglich versuchen werde, die anderen beiden nicht aufzuwecken, wird sich auch der Zweite aus dem Bett erheben und den Tag mit dem Befehl „Mummy Cuddle!“ beginnen. Einer der drei Gurken wird liegenbleiben und keinen Mucks von sich geben,  zumindest bis er sicher ist, dass ich mit den anderen beiden den Raum verlassen habe. Es ist das braveste meiner Kinder, das, was am längsten schläft – mein Mann.

7. 45 Uhr: Statt mir heißes Wasser aufzukochen und ein paar Yoga-Übungen zu machen, wie ich es mir jeden Abend für den nächsten Morgen vornehme, sitze ich zerknautscht wie eine alte Zwiebel mit dem Laptop auf dem Sofa und frage mich, wer eigentlich diese Frau ist, die ihren Mann ihr Kind nennt (persönlicher Albtraum Nummer Eins) und die einen schlechtsitzenden rosafarbenen Plüschmantel trägt (persönlicher Albtraum Nummer Zwei). Und die den Tag damit beginnt, den Laptop aufzuklappen und Artikel über erfolgreiche Menschen zu lesen, statt sich um sich selbst zu kümmern und mal wieder die Haare zu waschen, Zähne zu putzen oder eines der anderen Dinge zu erledigen, die erfolgreiche Menschen bestimmt noch vor dem Morgengruß erledigen.

Ich lehne mich zurück, und während nebenan noch Stille herrscht, startet in meinem Kopf das Gedankenkarussell. Seit das Baby da ist und dazu mein Zweijähriger rumturnt, mache ich an jedem Abend, den ich einfach nur überlebe, drei Kreuze. Die Dusche sieht mich maximal zwei Mal die Woche von innen. In der Badewanne, in der ich dachte, jeden Abend zur Entspannung zu liegen, sitze ich manchmal ungefüllt tagsüber drin, um die Hände über den Kopf zusammenzuschlagen und zu heulen. Das Babyalbum, das ich beim ersten Kind zu dem Zeitpunkt schon stolz mit ersten Erinnerungen gefüllt hatte, prangt seit der Geburt des zweiten so provozierend unberührt auf dem Küchentisch („Heb mich hoch! Schreib in mich rein!“), dass ich es wütend in eine der Umzugskisten knalle, die sich in der Wohnzimmerecke stapeln (die kleine Zweiraumwohnung ist für zwei Kinder also doch viel zu klein…).

8.00 Uhr: Aus dem Schlafzimmer regt sich noch nichts, dafür sitzt mittlerweile meine ghanaische Schwiegermutter in ihrem Sessel. In der Hand eine heiße Tasse abgekochtes Wasser, den Blick auf die Bibelsendung im Fernsehen gerichtet. Sie sieht zufrieden aus. Ich stelle mir vor, wie es generell nur zwei Typen Frauen gibt: die, die direkt am Laptop sitzen, sich irgendwelchen Mist durchlesen und selbstzerstörerischen Gedanken nachgehen und sich immer wieder vornehmen, den nächsten Tag mit heißem Wasser und Yoga zu beginnen. Und die, die sich abends nichts vornehmen und morgens aufstehen und erstmal Wasser kochen.


8.36 Uhr: Die Wohnzimmertür geht auf und mein Mann kommt mit dem Baby auf dem Arm rein. „Can I handle him someone over?“. In zwei Minuten wird auch der Große reingelaufen kommen und ich werde ungewaschen und ohne heißes Wasser getrunken zu haben, den Text hier unterbrechen, um meinen mit Mutterpflichten prall gefüllten Alltag zu beginnen. 
Bevor ich aufstehe, werde ich noch kurz an des Leben vor meinen Kindern denken, das aus Redaktion, Nächte mit Freunden auf dem Balkon, Einladungen zu Vorträgen, heißen Dates und monatlichen Kurztrips bestand und es wird mir so vorkommen, als wäre es die beste Zeit meines Lebens gewesen. Und da können mir jetzt alle Instagrambloggermütter sonst wie kommen, Freiheit und Leidenschaft hören mit dem Zeugen der Kinder erstmal auf. Schön für jeden, für den es sich anders anfühlt. Bei mir ist stattdessen schlechte Laune an der Tagesordnung, weil die Liste an Dingen, die gemacht werden müssten, unendlich und unbezwingbar wird. Und die dafür strapazierten Nerven immer dünnhäutiger werden, weil man nicht durchschlafen kann und von Zwergen herumkommandiert wird.

Doch dann werde ich mich wieder an all die Ängste und Zweifel von damals entsinnen, ob ich jemals einen Mann finden werde, den ich nach drei Jahren Beziehung immer noch begehre und ob ich jemals Kinder haben und die Ronja Räubertochter-Mutter sein werde, die ich schon immer so gern sein wollte. Scheiße, hatte ich Angst. Und dann bekommt man das, was man sich gewünscht hat, ohne es bewusst zu bemerken. Und man vergisst, wie glücklich man sich schätzen kann, weil die Träume von gestern so oft von den Sorgen von heute überlagert werden.

Wenn ich heute in den Spiegel schaue, sehe ich eine Frau, die mir oft fremd ist, die sich selten sexy und oft alt fühlt. Doch wenn ich morgens in das Bett mit den drei Männern drin blicke, spüre ich, dass mein Herz voll ist und darin all die Liebe, die ich mir immer für mich gewünscht habe. Und der Rest sind Optimierungsmöglichkeiten und keine Herzenswünsche und es ist so egal, ob ich morgens heißes Wasser oder Tonnen Kaffee trinke oder meine Haare heute gewaschen sind, die ersten Jahre mit Kindern sind einfach hart. Aber die Gefühle, die einen durchströmen, wenn sie lachen oder schlafen, sind unbezahlbar und Hauptsache ist doch, wir halten zusammen.

AUF DER SUCHE NACH NEUEN BITCHES

Das erste Treffen der Teilnehmerinnen vom ‚Geburtsvorbereitungskurs für das zweite Kind‘. Ich habe diesen Kurs aus zweierlei Gründen gebucht: um mir nach dem Notkaiserschnitt der tragischen ersten Geburt diesmal Hoffnung auf eine natürliche Geburt zu machen (rausgeschmissenes Geld, es wurde wieder einer) und, um mir neue Mami-Freunde einzukaufen. Damit wir in ein paar Wochen alle gemeinsam mit Baby in der Trage unseren Kleinkindern hinterherrennen, beim Babyschwimmen stundenlang über Haushalt und Männer reden oder irgendwelche anderen bekloppten Sachen machen, für die niemand von uns Zeit haben wird.

Seit Wochen stand der Termin auf dem Plan und es hätte sonst was kommen können, ich hätte meinen Erstgeborenen auch mit 40 Grad Fieber in den Wagen gepackt und wäre wie eine Irre los gestiefelt. Denn: Ich bin seit geraumer Zeit verzweifelt. Verzweifelt auf der Suche nach Leidensgenossinnen, um dieses von mir selbst gewählte bevorstehende Abenteuer ‚Zwei Kinder unter zwei Jahren‘ zu teilen. Auf dem Weg zum Kurs frage ich mich, ob man mir die Verzweiflung eigentlich ansieht – die auf dem Spielplatz gucken in letzter Zeit so komisch. Vielleicht habe ich das Telefon öfter wirklich zu früh rausgeholt, um eine neue Nummer zu speichern und drei Sätze Wortwechsel mit der potenziellen neuen Bekanntschaft waren nicht genug. Ich meine, wir haben immerhin beide ’ne fette Kugel vorn dran und ’nen Schreihals vor uns. Das muss doch ausreichen, um deine Nummer zu bekommen, du blöde Kuh – oder nicht?!! Beim Feiern weiß man doch auch gleich, ob man Bock auf Sex mit wem hat oder nicht, da braucht man sich doch auch nicht vorher zwei Stunden hinzusetzen, um über Beruf, Wertesysteme oder den Gemütszustand zu reden, da reicht ein kurzer Blick und man weiß Bescheid.

In England verbringen bei den horrenden Kitapreisen die meisten Frauen die ersten drei Jahre der Kinder daheim und mit anderen Müttern in Playgroups, verdammt nochmal, da muss man doch zusammenhalten oder nicht. Aber irgendwie will es nicht klappen. Ich fühle mich wie die letzte Eule im Club, die keiner bumsen will und um die selbst die Besoffenen einen Bogen machen. Oder die Letzte in der Reihe in der Schule beim Sport, die keiner wählt. Nein, das stimmt nicht, denn ich weiß nicht, wie sich das anfühlt, ich war in einem früheren Leben mal sportlich und heiß.

Statt nach einem Tag auf dem Spielplatz wieder frustriert ohne neue Nummer den Heimweg anzutreten, gehe ich es diesmal an und werde meine neuen besten Freundinnen heute in diesem Kurs finden. Beim ersten Kind hatte ich keinen besucht und das seitdem jedes Mal, wenn ich eine gemeinsam durch den Park joggende Meute voller Buggys gesehen habe, bereut. Also laufe ich aufgeregt wie beim ersten Date mit Make-up und geföhntem Haar mit Kinderwagen und Riesenbauch (36. Schwangerschaftswoche) über eine Stunde nach Putney, im Südwesten Londons. „Ich bin eine wunderschöne, intelligente, lustige, schlaue Frau und eine tolle Bereicherung für jede Mutter. Ich bin eine wunderschöne, intelligente, lustige, schlaue Frau und eine …“

Wir sitzen zu acht am Tisch. Sechs Hochschwangere, die Frau, die das Ganze leitet und ein knapp Zweijähriger. Ratet mal, wer die Einzige ist, die ihren Sohn mitgebracht hat, weil sie sich keine Nanny leisten kann? Nach fünf Minuten stelle ich entgeistert fest, dass ich sehr froh bin, dass er dabei ist und ich mich lieber mit ihm unterhalte als mit diesen Uschis. Eine langweiliger als die andere und das Gespräch der größte Krampf. Jetzt weiß ich, warum die den Kurs gebucht haben, die haben da draußen definitiv auch niemanden. Ich bin so angeödet, dass ich mir nicht mal etwas bestellen will. Nach weiteren zwanzig Minuten im Café steht fest: Die Chance, dass sich mit irgendeiner Tante von denen eine Freundschaft entwickelt, ist gleich Null. Zumindest hab ich für dieses Treffen keinen Cent bezahlt. Ich kann mich allerdings an kein Treffen in der Vergangenheit erinnern, in dem das im Nachhinein das Highlight war. Ich glaube, ein zweites Date mit denen könnte ich trotz meines Dranges nach einem Gruppengefühl nicht überstehen.

Auf dem Heimweg überlege ich, ob das Problem an meiner negativen Grundeinstellung oder an meiner Recherche liegt. Ich meine, ‚Geburtsvorbereitungskurs für das zweite Kind‘ – das sind Frauen, die, wie ich, ein zweites Kind erwarten. Die haben also auch eins zu Hause, das nerven kann und jetzt wieder den fetten Bauch dran, der noch mehr nerven kann. Die MÜSSEN mich verstehen und wir dadurch beste Freunde werden.

Müssen sie nicht. Und ich fange an, zu erahnen, dass Muttersein vielleicht das Fundament einer funktionierenden Freundschaft sein kann, aber ganz sicher nicht sein muss. Um meine neuen Bitches zu finden, braucht es für mich anscheinend mehr. Vielleicht braucht es eine Bar und ein Glas Gin Tonic in der Hand. Zumindest brauche ich das gefühlt gerade, um mich wieder wie ich selbst zu fühlen, damit meine irgendwo unter den tiefen Augenringen glitzernde Persönlichkeit den Rest für mich übernehmen kann. So oder so, mit den falschen Frauen, von deren Input ich nichts habe, werde ich ganz sichere keine Mummy-Whats-App-Gruppe gründen.

Ein paar Wochen später. Das Baby ist da. Und das Problem hat sich in Luft aufgelöst. Ich bin Mutter von einem Kleinkind und einem Neugeborenen. Und ich habe null Zeit für Freunde. Nicht für die eine, die ich hier habe. Nicht für die aus Deutschland am Telefon. Und ganz sicher nicht für potenzielle Neue. Was für ein Wirbel um Nichts!

LASS MICH IN RUHE, BABY!

20. Schwangerschaftswoche, Schwangeren-Yoga, Schlussübung Savasana. Zehn Frauen liegen seitlich auf dem Boden, den Kopf auf einem Kissen, die Augen geschlossen, die Hand streichelt den Bauch. Und bei mir setzt statt Tiefenentspannung das große Zweifeln ein.

Wie ernüchternd diese zweite Schwangerschaft im Vergleich zur ersten verläuft. Statt meinen Partner wie vor zwei Jahren mit einem lauten Quieken anzuspringen, um ihn freudestrahlend den positiven Schwangerschaftstest unter die Nase zu halten, gab es diesmal fünf Tage nach der Befruchtung eine SMS ins Büro („By the way, I am pregnant“). Statt wochenlang auf den ersten Ultraschall hinzufiebern und die Tage bis dahin rückwärts zu zählen, sind wir auf dem Weg in den Winterurlaub kurz ins Krankenhaus, um uns das Bild abzuholen. Statt nach 12 Wochen leichter Übelkeit, kotze ich mir dieses Mal über fünf Monate lang die Seele aus dem Leib und das während ich mit meinem Anderthalbjährigen unterwegs bin, abwechselnd im Park oder beim Einkaufen oder im Bus. Und wenn wir dann nach einem langen Tage fix und fertig zuhause ankommen, wird der Kleine („Mein Kind wird niemals fernsehen schauen!“) eine Stunde vor Peppa Pig geparkt, damit ich auf dem Sofa erschöpft und pupsend zusammenbrechen kann, meinem neuen Schwangerschafts-Kumpel Verstopfung sei Dank. 


Ich dachte wirklich, der Körper würde einen verschonen, wenn man den Abstand der Schwangerschaften so knapp wählt wie wir. Tadaa! Selbst meine Dehnungsstreifen machen mir diesmal nichts vor und reisen von Beginn an munter und fröhlich auf einem Bauch vor sich her, der diesmal irgendwie schief hängt statt sich stolz und prall nach vorn zu richten – Schwangerschaftsglow, wo bist du?

Die erste Schwangerschaft war körperlich auch kein Zuckerschlecken, aber ich habe die Befindlichkeiten besser ausgehalten, denn was waren wir verknallt! Unsere Beziehung gab es seit knapp einem Jahr und sie bestand aus aufregenden Dates und viel Geschlechtsverkehr. Und heute – die Honeymoon-Phase längst vorüber – läuft die ganze Nummer weitaus realer ab. Viel zu real! Mit Brechanfällen, Hämorriden und einem Kleinkind, das meine Aufmerksamkeit 24/7 braucht, ohne Schlaf und Nerven und Zeit für sich selbst oder sonst irgendwem.

Ich liege auf dem Boden und denke an letztes Wochenende, als wir uns mal wieder gestritten haben. Beziehungsweise ich rumgeschrien und er beleidigt geschwiegen hat. Das Thema: unsere Mini-Zweiraumwohnung, die schon für ein Kind zu klein ist. Aber mit viel Vorstellungskraft und Elan trotzdem auch für zwei Gurken passend gemacht werden kann. Nun, den motivierenden Part übernehme normalweise ich in unserer Beziehung. Ich werde mit meiner schlechter Laune, weil niemand meine Füße massiert, aber allein ganz sicher keine Renovierung planen. Als es zu Beginn der Schwangerschaft noch hieß, dass wir sechs Monate Zeit haben, um umzuziehen, hat er verständnisvoll genickt. Jetzt bin ich in der 20. Woche und wir sind immer noch am selben Fleck.

Bedrückt mache ich die Wohnungstür auf und marschiere Richtung Badezimmer. Das Bedürfnis, ihn zur Begrüßung auf den Mund zu küssen, habe ich schon einige Wochen nicht mehr. Ich lasse mir ein Bad ein, er kommt rein, sagt kurz hallo, geht wieder raus. Wir haben uns den ganzen Tag nicht gesehen, aber es scheint keiner von uns beiden das Bedürfnis nach Austausch zu haben. Ich kann gar nicht sagen, wie beschissen sich das anfühlt. Ich sinke tief ins Wasser und meine Gedanken überschlagen sich. Warum fällt es mir so schwer, die Wohnungssuche anzugehen, ich war doch immer die Aktive von uns. Glaube ich nicht mehr an uns? Bin ich schon im Abnabelungsprozess? Wir waren verknallt, dann schwanger, jetzt sind wir Eltern. Soll das alles sein? Ist es so – das Leben als Familie. Ich fühle mich so leer so oft und so ernüchtert. So vieles, was mich andauernd stört. In mir wächst ein zweiter Junge heran und ich weiß nicht mehr, ob ich den Vater dazu liebe. Stürze ich mich gerade ins Glück oder ins Unglück?

Mein schwangeres Hirn macht das Denken ganz schwer. Ich steige aus der Badewanne und gehe zu ihm ins Wohnzimmer. Er fragt ohne aufzublicken, das Handy in der Hand, ob ich mich zu ihm setze, während die Kiste weiterhin im Hintergrund läuft. Ich will nicht. Ich könnte mich mit einem Lächeln daneben setzen und ihn fragen, wie sein Tag war. Ich will einfach nicht. Ich will Trommelschlag und Trompeten, wenn ich den Raum betrete. Statt ihm sortiert und in Ruhe meine Zweifel mitzuteilen, zettel ich im Türrahmen stehend einen Streit über seine Handynutzung an und gehe danach frustriert ins Bett.

Zwei Wochen später. Ein Auto düst über die Landstraße von Windsor Richtung London. Am Steuer ein stolz strahlender Mann, neben ihm eine schwangere, unheimlich glücklich aussehende Frau. Wir hatten die schönsten 24 Stunden der Welt und sind verliebt wie am ersten Tag. Und mussten dafür nur unseren Sohn bei seiner Oma abgeben und einen Spa-Tag im Hotel buchen.


Bevor es los ging, hätte ich noch Wetten abgeschlossen, dass wir uns nur gegenseitig auf die Nerven gehen. Und dann war es ab der ersten Sekunde, als wir losfuhren, entspannt. Hand in Hand am Schloss entlang spazieren. Nachmittags zum kuscheln im Hotel einchecken. Gefolgt von Spa und Dinner. Was so ein Ortswechsel auslösen kann. Er streichelt mir über den Rücken und sucht meine Nähe. Wir sagen uns, dass wir uns lieben. Ich wäre mit niemanden lieber dort gewesen als mit ihm.

„Ihr müsst über eure Probleme reden.“ „Nehmt euch Zeit zu zweit!“ Wie oft man diese Ratschläge gehört. Erst, wenn es fast zu spät ist, weiß man, warum Leute, die meistens schon ältere Kinder oder eine Scheidung hinter sich haben, genau das empfehlen. Man könnte sich viel Ärger ersparen, würde man mit kleinen Erlebnissen zu zweit ab und an vorbeugen.

Auf dem Rückweg reden wir. Wir werden in der kleinen Wohnung bleiben und sie uns schön machen, 20 Wochen haben wir ja noch. Hochschwanger umziehen wie beim letzten Mal muss nicht sein. Man muss ja nicht jeden Mist nochmal machen, den man nur macht, wenn man verknallt ist.

AB JETZT OHNE RAUSZIEHEN

Unser Sohn ist letzte Woche ein Jahr alt geworden und mein Freund will am liebsten drei oder vier von der Sorte. Wir könnten ab jetzt also mit „Ohne-Rausziehen“ loslegen und ein zweites Kind machen. Aber irgendwas hindert mich daran. Was ist los, wenn das Herz (und die Hormone) bereit sind für Fortpflanzung Teil 2, aber der Kopf sich quer stellt? Was sind die Gründe? Wann sind wir wieder bereit? Zeit für einen Realitycheck.

Ich habe immer gedacht, wir sind dieses eine Paar, dem das nie passiert: langweiliger Sex. Unser Liebesleben ist zwar noch ab und an existent, aber all das, was es vor dem Kind war – wild, spontan, lang, laut, hell, gleich nochmal – ist es nicht mehr. Als vor zwei Jahren während einer der täglich stattfindenden zahlreichen leidenschaftlichen Ineinander-Verrenkungen unser Sohn entstand, konnten wir der Ärztin danach kein Empfängnisdatum nennen. Jetzt, wo wir über ein zweites Kind nachdenken, habe ich die fruchtbaren Tage genau im Blick und weiß oft schon, wenn ich ins Wohnzimmer komme, dass ich mich nicht wie früher auf ihn drauf setzen werde, sondern Westworld den Vortritt lasse und damit diesen Zyklus wieder nichts passieren wird.

Und dabei war ich im Vergleich mit anderen Muttifreundinnen immer so stolz darauf, wieviel Bock wir noch aufeinander haben. Dass es einfach ist zwischen uns, was Sex betrifft, dass es oft passiert und dass ich dabei sterben könnte, so schön und geil und lebendig wie ich mich dabei fühle. Ich dachte, wenn sich zwei im Urlaub kennenlernen und danach so oft es geht zwischen England und Deutschland hin-und-herfliegen, um das komplette Wochenende miteinander im Bett zu verbringen, dass solche den guten Sex für immer haben. Oder nicht?

Und jetzt ist er da – mein persönlicher Albtraum – und mein Freund kann sich freuen, wenn ich mir die Beine rasiert habe. Dass ich mal Strapse getragen habe, scheint wie ein anderes Leben. Mehr als zwei Stellungswechsel oder eine zweite Nummer hinterher ein anderes Universum. Das sind doch nicht wir, die zwei, die am Abendbrottisch – der Fußboden voller Essensreste, die der Einjährige genüsslich runterschmeißt – sich kurz zwischen dem Einräumen des Geschirrspülers und dem Erstellen der Online-Shoppingliste „Später Sex?“ zuraunen. „Ja.“ „Ok.“ Und dann, wenn der Kleine schläft und die Serie geschaut wurde, im Schlafzimmer das Licht ausmachen, unter der Decke ein paar verklemmt nervöse Sprüche wechseln und nach einem zehn-sekündigem Vorspiel die immer gleiche Nummer durchziehen.

Das müssen Roboter sein. Oder langweilige Arbeitskollegen. Aber doch nicht wir! Will Smith aus London und Baby Beyoncé aus Sachsen. Scheiße, aber wir sind es. Ich bin jetzt die Frau, die beim Sex im Kopf Einkaufslisten schreibt und Playdates für unseren Sohn plant. Und sich wundert, dass sie dabei nicht mehr kommt. Und am besten noch, während er auf der Zielgeraden ist, darüber nachdenkt, ob er ihn doch rausziehen soll, denn ich wollte doch noch abnehmen, bevor ich schwanger werde, soll ich doch lieber neue Obs kaufen, scheiße, ich muss mich jetzt entscheiden, wir sind bestimmt gleich fertig – doch, das sind wir.

Noch wichtiger für die weitere Familienplanung als angespannter Sex oder zu viele Kilos ist zu wenig Kohle. Nun, das ist eine schwierigere Angelegenheit, vor allem wenn man seinen sicheren Job in Deutschland gekündigt hat, um zu seinen Freund nach England zu ziehen und sich direkt im Anschluss schwängern lassen hat. Dass es hier als junge Familie schwer wird, Fuß zu fassen, war uns selbst in der Verknalltheitsphase klar. Aber wenn Familienthemen dann präsent werden und man mit Mietpreisen von 1500 Euro monatlich für eine Mini-Zweiraumwohnung und Kindergartenpreisen ab 100 Euro pro Tag konfrontiert wird, müssten doch selbst bei mir – Mrs. Unbedacht – die Alarmglocken losgehen.

Mein Freund ist der einzige von uns beiden, der aktuell verdient, während ich als Ausländerin rententechnisch stagniere und auf unser Kind aufpasse. Sollte ich nicht vor lauter Existenzängsten schlaflose Nächte verbringen, statt von einem zweiten Baby zu träumen? Mein Kopf sagt, dass man, wenn man das Einkommen vom Partner teilt und jeden Cent zweimal umdreht, lieber die Karriere weiter planen und den Nachwuchswunsch zurückstecken sollte. Mein Herz sagt: Scheiß drauf!, wir würden immer eine Lösung finden. Ich werde sehen, was sich ergibt, wenn sich Kopf und Herz geeinigt haben. Gott, wäre es schön, wenn hier bald noch einer rumtigert. „Heute Abend Sex?“