Hilfe, das Dorf ruft!

„Entschuldigen Sie, gibt es hier ein Café, wo man brunchen kann?“, frage ich die einzige Person, die uns während des zehnminütigen Marsches entlang der Hauptstraße, die sich durch das Dorf schlängelt, entgegenkommt. Wir sind auf der verzweifelten Suche nach etwas Essbarem. Sie ignoriert uns und läuft weiter. Heute morgen haben uns meine Eltern, die beim Einzug „helfen“ wollten, auch ignoriert und sind, statt uns die Kinder abzunehmen und uns einfach nur machen zu lassen, als erste Amtshandlung in den nächsten Baumarkt gefahren, um einen Kompost zu besorgen und jeden Zentimeter im Garten mit Gemüsebeeten zu verplanen.

Der Streit mit meiner Mutter darüber, ob ich als 32-Jährige in meinem Reich selbst entscheiden sollte und uns eigentlich irgendwer gefragt hat, ob wir in den nächsten Jahren überhaupt Gemüse essen wollen, ist natürlich eskaliert und die Zwei kurz darauf wütend abgezogen. Zurück blieben wir Vier – ein Brite, der auf deutsch „Schönes Wochenende“ sagen kann und in seinem Leben bis auf zahlreiche internationale Single- Trips seine Heimatstadt London noch nie verlassen hat. Seine Freundin, die sich in diesem Moment fragt, wie viel Kraft uns dieses Lebensumkremplungsprojekt eigentlich schon gekostet hat und ob der Streit vorhin der Tiefpunkt war, ab dem alles besser wird oder erst der Anfang. Und unsere zwei Gurken, denen alles egal ist, Hauptsache, es gibt gleich was zu essen.

Wer lebt eigentlich gesünder: der Veganer in der versmogten Stadt oder die Wurstfans vom Dorf mit der frischen Luft?

Es wird schlimmer. Beim einzigen Bäcker gibt es nur einen Stehtisch, der schon von drei Handwerkern besetzt wird und für einen zweijährigen Terrorzwerg und ein robbendes Baby sowieso keine Option darstellt. Und im lokalen Edeka, an dem man mit Blick auf den Parkplatz gemütlich sitzen kann, gibt es nur Zuckerkuchen oder Bockwurst. Wir haben zwei Mastercards („Wat soll dat denn sein, nee, hier nur mit Bargeld“) und die Jungs und ich teilen uns von fünf Euro Münzgeld freudig die Bockwurst und ein Stück Kuchen. Mein Freund, der weder Brötchen noch Schwein isst, bekommt eine Caprisonne. Wir werden in den nächsten Monaten noch oft feststellen, dass man hier bei jedem Ausflug Bargeld braucht und das kulinarische Angebot selten über Pommes, Wiener und Limo hinausgeht.

Ich denke an das große Ziel, das wir mit unserem Länderwechsel und dem Neuanfang hier vor Augen hatten: den horrenden Miet- und Kitapreisen in Großbritannien zu entfliehen, um hier ein tolles, neues, besseres Leben aufzubauen. Okay, unser Lunch gerade kam auf nur fünf Euro, dafür bekommt man in London höchstens Kaugummis. Aber in dieser Sekunde würde ich mein ganzes Erspartes für den Avocadotoast aus unserem Lieblingspub mit der großen Spielecke geben. Doch dann erinnere ich mich wieder daran, dass jeder Gang zum Brunch damals wirklich unser halbes Erspartes auffraß und wie genervt ich von den Millionen Menschen auf der Straße auf dem Weg dahin war und mir die britische Höflichkeit oft nur fake vorkam und ich die Direktheit der Deutschen vermisst habe. Zurück auf dem Grundstück meint unser Nachbar, den ich von meinen geliebten englischen terraced houses und Spaziergängen an der Themse erzähle: „Hier fließt die Wuhle, da könnt ihr lang laufen, da kommt ihr nach Marzahn.“

Wir blicken uns um. Hier liegt sie vor uns, die Chance, dass unsere Kinder in einem Villa-Kunterbunt-ähnlichem Haus im Grünen aufwachsen, wie ich es mir als Stadtkind so oft erträumt hatte. Noch ist die Terrasse kaputt und alles verwildert und noch gibt es keinen Zaun und weniger Privatsphäre als im Plattenbau. Aber die Vision ist da – wir müssen es nur angehen. Jackpot, meinen die Leute, bei der aktuellen Wohnungslage in der Hauptstadt ein absoluter Glücksgriff. Ich verbringe die ersten Wochen jeden Abend heulend im Bett, so glücklich bin ich. Verstehen muss das niemand, wir leben hier immerhin den vorstädtischen Familientraum. Aber vielleicht war ich noch nicht bereit fürs Dorf oder werde es nie sein.

Von den wenigen Eingeweihten, denen ich von meinen Zweifeln erzähle, kommen Blicke, die eher Ratlosigkeit als Mitgefühl vermuten („Ist sie immer noch nicht angekommen?“ Oder:  „Der Arme, er muss aber auch viel mitmachen“). Mein Freund erinnert mich an die erste Wohnung in London, die wir uns nur mit asiatischen Untermietern leisten konnten, weil wir zufällig keine Millionäre sind und trotzdem gern in Central London wohnten. Nach der Geburt stellten wir fest, dass im Wochenbett checken zu müssen, ob gerade jemand durch den Korridor läuft, bevor man nackt zum Klo rennen kann, um seine Binde zu wechseln, für eine junge Familie nun wirklich eher suboptimal ist. Aber zumindest konnte man die Wohnung schnell verlassen, um zum Baby-Yoga zu gehen und sich auf dem Weg einen Chai Latte holen…

Nichts und niemand kann einen auf das Leben mit Kindern vorbereiten. Und ich bin zum ersten Mal in meinem Leben vom Umziehen müde. Die Jungs lieben den täglichen Gang zum Bauernhof und strahlen auf ihren Laufrädern dabei mehr, als bei den so nervenaufreibenden Slalomrennen mit dem Kinderwagen durch die Stadt. Und auch wir fühlen uns beim spontanen Lagerfeuer viel befreiter, als in muffigen Bussen zum nächsten Pub. Dafür nimmt man dann auch in Kauf, dass selbst das Take-Away-Essen hier grottig schmeckt und findet seinen Kompromiss in monatlichen Trips in die Stadt, um mit anderen internationalen Eltern auf dem so viel schöneren, aber so viel dreckigeren Holzspielplatz veganes Eis zu essen, um danach wieder über die Landstraßen glücklich „nach Hause“ zu brettern.

Auf dem Rückweg vom Edeka stelle ich entsetzt fest, dass sich unser neues Heim 500 Meter entfernt vom Berliner Ortseingangsschild in Brandenburg befindet und dadurch die kostenlosen Kitaplätze, mit denen ich meinen Freund hierher gelockt hatte, für uns entfallen. Ich bestelle ganz schnell den Pool, den er sich gewünscht hat und lass ihn den ganzen nächsten Tag in seiner neuen Werkstatt rumbasteln, für die in einer Wohnung in der Stadt niemals Platz gewesen wäre. Denn um es mit den Worten meiner Oma zu sagen: „Kind, das ist jetzt euer Zuhause, Punkt.“