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Ab jetzt ohne Rausziehen?

Unser Sohn ist letzte Woche ein Jahr alt geworden und mein Freund will am liebsten drei oder vier von der Sorte. Wir könnten ab jetzt also mit „Ohne-Rausziehen“ loslegen und ein zweites Kind machen. Aber irgendwas hindert mich daran. Was ist los, wenn das Herz (und die Hormone) bereit sind für Fortpflanzung Teil 2, aber der Kopf sich quer stellt? Was sind die Gründe? Wann sind wir wieder bereit? Zeit für einen Realitycheck.

Ich habe immer gedacht, wir sind dieses eine Paar, dem das nie passiert: langweiliger Sex. Unser Liebesleben ist zwar noch ab und an existent, aber all das, was es vor dem Kind war – wild, spontan, lang, laut, hell, gleich nochmal – ist es nicht mehr. Als vor zwei Jahren während einer der täglich stattfindenden zahlreichen leidenschaftlichen Ineinander-Verrenkungen unser Sohn entstand, konnten wir der Ärztin danach kein Empfängnisdatum nennen. Jetzt, wo wir über ein zweites Kind nachdenken, habe ich die fruchtbaren Tage genau im Blick und weiß oft schon, wenn ich ins Wohnzimmer komme, dass ich mich nicht wie früher auf ihn drauf setzen werde, sondern Westworld den Vortritt lasse und damit diesen Zyklus wieder nichts passieren wird.

Und dabei war ich im Vergleich mit anderen Muttifreundinnen immer so stolz darauf, wieviel Bock wir noch aufeinander haben. Dass es einfach ist zwischen uns, was Sex betrifft, dass es oft passiert und dass ich dabei sterben könnte, so schön und geil und lebendig wie ich mich dabei fühle. Ich dachte, wenn sich zwei im Urlaub kennenlernen und danach so oft es geht zwischen England und Deutschland hin-und-herfliegen, um das komplette Wochenende miteinander im Bett zu verbringen, dass solche den guten Sex für immer haben. Oder nicht?

Und jetzt ist er da – mein persönlicher Albtraum – und mein Freund kann sich freuen, wenn ich mir die Beine rasiert habe. Dass ich mal Strapse getragen habe, scheint wie ein anderes Leben. Mehr als zwei Stellungswechsel oder eine zweite Nummer hinterher ein anderes Universum. Das sind doch nicht wir, die zwei, die am Abendbrottisch – der Fußboden voller Essensreste, die der Einjährige genüsslich runterschmeißt – sich kurz zwischen dem Einräumen des Geschirrspülers und dem Erstellen der Online-Shoppingliste „Später Sex?“ zuraunen. „Ja.“ „Ok.“ Und dann, wenn der Kleine schläft und die Serie geschaut wurde, im Schlafzimmer das Licht ausmachen, unter der Decke ein paar verklemmt nervöse Sprüche wechseln und nach einem zehn-sekündigem Vorspiel die immer gleiche Nummer durchziehen.

Das müssen Roboter sein. Oder langweilige Arbeitskollegen. Aber doch nicht wir! Will Smith aus London und Baby Beyoncé aus Sachsen. Scheiße, aber wir sind es. Ich bin jetzt die Frau, die beim Sex im Kopf Einkaufslisten schreibt und Playdates für unseren Sohn plant. Und sich wundert, dass sie dabei nicht mehr kommt. Und am besten noch, während er auf der Zielgeraden ist, darüber nachdenkt, ob er ihn doch rausziehen soll oder ob wir es wie besprochen darauf ankommen lassen, aber ich wollte doch noch abnehmen, bevor ich schwanger werde, soll ich doch lieber neue Obs kaufen, scheiße, ich muss mich jetzt entscheiden, wir sind bestimmt gleich fertig – doch, das sind wir.

Noch wichtiger für die weitere Familienplanung als angespannter Sex oder zu viele Kilos ist zu wenig Kohle. Nun, das ist eine schwierigere Angelegenheit, vor allem wenn man seinen sicheren Job in Deutschland gekündigt hat, um zu seinen Freund nach England zu ziehen und sich direkt im Anschluss schwängern lassen hat. Dass es hier als junge Familie schwer wird, Fuß zu fassen, war uns selbst in der Verknalltheitsphase klar. Aber wenn Familienthemen dann präsent werden und man mit Mietpreisen von 1500 Euro monatlich für eine Mini-Zweiraumwohnung und Kindergartenpreisen ab 100 Euro pro Tag konfrontiert wird, müssten doch selbst bei mir – Mrs. Unbedacht – die Alarmglocken losgehen.

Mein Freund ist der einzige von uns beiden, der aktuell verdient, während ich als Ausländerin rententechnisch stagniere und auf unser Kind aufpasse. Sollte ich nicht vor lauter Existenzängsten schlaflose Nächte verbringen, statt von einem zweiten Baby zu träumen? Mein Kopf sagt, dass man, wenn man das Einkommen vom Partner teilt und jeden Cent zweimal umdreht, lieber die Karriere weiter planen und den Nachwuchswunsch zurückstecken sollte. Mein Herz sagt: „Scheiß drauf!“, wir würden immer eine Lösung finden. Ich werde sehen, was sich ergibt, wenn sich Kopf und Herz geeinigt haben.

Das Leben läuft nicht nach Plan, es passiert. Und selbst wenn ich mir jeden Abend darüber den Kopf zerbreche, wie wir das alles hinkriegen sollen, werde ich mir weiterhin wünschen, dass da bald noch einer mit rumtigert. Und so werden wir auch für unser zweites Kind nicht perfekt vorbereitet sein und es wird kommen, wenn es kommt. Ich habe die Vermutung, dass ich bis dahin weder 5 Kilo abnehmen werde, noch einen fetten Job an Land gezogen habe, aber es scheint, unserem Sohn, der gerade laut lacht, fehlt es an nichts. Zeit, dass ihm Gesellschaft geleistet wird! „Heute Abend Sex?“

Kurt Cobain und ich auf Instagram

In wenigen Wochen werde ich 30. Und habe schon so einiges gemacht, was auf meiner Liste steht: durch Frankreich trampen, barfuß auf der Fullmoonparty tanzen, eine eigene Zeitschrift rausbringen, mitten im Dschungel schlafen, sämtliche Drogen testen, Uschi Obermaier in L.A. besuchen. Ein paar Dinge auf der 20er-Liste sind nichts geworden: mit Work&Travel durch Australien tigern, nach dem Bachelor einen Master machen, an Sommerwochenenden auf Festivals abhängen, heimlich in Tschechien Nase machen und Fett absaugen lassen. Die meisten Aktionen meines letzten Jahrzehnts waren eher ungeplant: im Fundbüro der deutschen Bahn arbeiten, sieben Jahre im Schwabenland abhängen, einmal die Woche zu ner Psychologin gehen, auf ner Pussy-Ping-Pong-Show die Liebe meines Lebens treffen.  Fazit: etwas ist noch offen und bisher unversucht – berühmt zu werden. Und da ich heute noch genauso narzistisch und selbstzerstörerisch wie vor zehn Jahren drauf bin, ist dieser Wunsch genauso groß wie damals. Gebe es da nur nicht ein Problem: alle, die heutzutage bekannt sind, sind scheiße. Sie haben gleich hässliche konturierte Fratzen, gleich aufgespritzte Lippen und gleich hässliches Silikon im Arsch. All das präsentieren sie gleich scheiße auf ihren Instagram-Accounts und ein Fernsehteam lässt sie scheiße vordiktiertes Reality-TV drüber machen. Glattgebügelt inszeniert, immer gut drauf, zum Sterben langweilig – das sind die Berühmtheiten unserer Zeit. Inspirationen fernab vom weichgezeichneten Frühstückssmoothie oder dem Loch-zwischen-den-Beinen-Bikini-Strandbild findet man selten. Selbst etablierte Musiker und Schauspieler müssen mit 45 noch Snapchat-Videos teilen, um am Ball zu bleiben. Und in diesen Clips passiert nichts Spannenderes als das einer ne Fratze zieht oder sich zwei Gesichter tauschen oder einer nen Teddy wird. Ich mein, was muss sich Ozzy Osbourne im Nachhinein geärgert haben, als er 1982 einer Fledermaus den Kopf abbiss, um in die Presse zu kommen. Mein Fazit: In einer Welt, in der playback-singende Promis der neueste Fernsehformatschrei sind, es cooler ist, als Teenager Influencer  werden zu wollen statt an einer Schauspielschule aufgenommen zu werden und in der eine Kim Kardashian berühmter ist, als Amy Winehouse es je geworden wäre, kann ich nicht mitspielen. Vielleicht sehe ich das aber auch alles zu negativ und zu verbissen, aber meine Idole mit 15 waren ja auch Kurt Cobain und Charles Bukowski und nicht Blac Chyna oder Dagi Bee. Aber ich werde ja auch schon 30.

Waste your time

Heute ist es soweit. Ich schalte das Handy aus. Nur noch diese eine Mail. Tschüß Facebook! Warum bin ich so sauer auf mich, dass ich soviel Zeit auf dieser Plattform verbringe. Wenn es so schlecht für mich wäre, warum würde ich es dann machen. Wenn ich jemand Neues kennenlerne, könnte ich mir über ihn/sie nicht keine Informationen mehr im Vorfeld ziehen, sondern müsste die Antworten selbst rausfinden – wie ätzend wäre das denn? Und außerdem könnte ich keine Sachen mehr posten, von denen ich überzeugt bin, wie cool sie sind und bei denen ich im Sekundentakt auf Aktualisieren drücken kann, wieviele Likes schon zustande gekommen sind. Äh hallo! Das ist immerhin mein Adrenalin, das macht mich an.

Also wie war das Leben als narzistische, aufmerksamkeitssüchtige Person vor Facebook? Hatte ich genug Applaus? Ja. Für die Sachen, die ich gemacht habe. Ehrliches Feedback im direkten Kontakt, das kein weiteres Publikum sucht. In den meisten Fällen von Leuten, die ich nicht nur 1x im Leben getroffen hatte.
Lebenszeit. Ich getraue mich gar nicht darüber nachzudenken, wie oft und wie lange ich in den letzten Jahren auf Facebook verbracht habe. Wann habe ich es nicht vermisst? Beim Essen mit Freunden, in der Natur, im Kino, zu Besuch bei Oma & Opa, beim Baden, beim Snowboarden, beim Sex. Alles Dinge, die ich liebe. Für die ich sterben würde. Die das Leben lebenswert machen. Aber: Facebook begrüßt mich, wenn ich aufwache, während ich unterwegs bin, wenn ich arbeite, es ist das letzte, was ich checke, bevor ich schlafen gehe. Sollte ich nicht lieber gecheckt haben, ob ich ein gutes Wort mit Freunden gewechselt habe, ob ich gut gegessen habe, ob ich für meine Familie da war, ob ich meinen Körper beim Sport verausgabt habe, ob ich nen Orgasmus hatte. Das sind die Dinge, die ich wissen will, wenn ich schlafen gehe. Eigentlich. Scheiße, lass mich nur noch gucken, wie das letzte Bild ankam.

Parkgedanken

Mittwoch, 14 Uhr, Battersea Park. Ich sitze auf einer Bank und blicke auf den Teich und auf die Enten. Die Sonne glitzert im Wasser und man könnte es den ersten schönen Frühlingstag nennen. Seit heute auf den Tag bin ich vier Wochen hier. Ich blicke an mir runter. Und sehe Turnschuhe, eine schwarze Jogginghose und eine Fleecejacke. Ins Gesicht kann ich mir gottseidank nicht schauen, da würde ich die weiße Herpescreme um den Mund herum sehen, die mich seit gestern schmückt. Mein Blick wandert nach rechts. Drei Über-50-Jährige mit Hund sitzen gemütlich mit drei Kaffeebechern am Tisch und erzählen sich Geschichten. Sie sehen zufrieden aus. Mein Blick wandert nach links. Eine junge Mutter, Anfang 30, sitzt mit ihrem Kinderwagen da und tippt panisch in ihr Handy. Sie sieht verzweifelt aus. Zu wem von beiden soll ich gehen und fragen, ob sie meine neuen Freunde werden wollen? Ich bleibe sitzen und schaue auf den Teich – in der Hoffnung, dass sich das Wasser öffnet und eine unheimlich liebe, alte, weise Frau sich daraus erhebt, mir die Hände auf die Schultern legt und sagt, dass alles gut wird.

Ein Monat zurück, vor einer gefühlte Ewigkeit, ein Tag vor Silvester beim Kofferpacken und Freunde verabschieden, hätte ich jede Wette unterschrieben, dass ich Wochen später, an einem Tag wie heute, gerade von einem fancy Lunch mit Kollegen kommen würde, irgendwo auf der Oxford Street, im Kopf schon den voll geplanten Abend – ich meine Leute, es wäre London Fashionweek und ich meine Leute, ich würde für die Vogue arbeiten. Wenn ich an so einem Mittwoch an mir runterblicken würde, wären da keine Turnschuhe, sondern schwarze Strumpfhosen, ein royalblaues Chanel und goldene Jimmy Choos. Dass ich Extensions hätte, wüsste keiner meiner Kollegen. Auch dass ich vor ein paar Wochen noch nen BMI von 26 hatte, könnte hier niemand glauben, denn in den ersten zwei Wochen in London hätte ich natürlich direkt 10 Kilo abgenommen. Fließend Englisch hätte ich in dieser kurzen Zeit natürlich auch gelernt, wäre ich auch stolz drauf, schon sehr geil von mir. Am tollsten fände ich natürlich meine zahlreichen neuen Freunde, die ich in der kurzen Zeit gesammelt hätte, alle ganz schicki und international, ging auch ganz schnell und sind immer für mich da. Bei all dem geilen Scheiß darf ich natürlich nicht die spektakuläre Wohnung vergessen, die Adrian und ich sofort gefunden hätten. Viktorianisches Haus, weißes Parkett, Badewanne und Dusche, logisch, eigener Garten. Es könnte nicht schöner sein!

Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne. Immer noch auf der Bank im Park sitzend, beame ich mich zurück von meiner Erwartungshaltung an London von Ende Dezember zu heute morgen im Starbucks. Ich hatte gerade den Termin für meine Extensions bestätigt und war ein bisschen genervt, wollte ich ja eigentlich schon viel eher machen. Und überhaupt, warum fraß ich eigentlich schon wieder Kuchen, ich wollte doch abnehmen, davon sah man schon seit Tagen nichts mehr. Und was war eigentlich aus den Bewerbungen geworden – bei der Vogue hatte bisher noch kein Schwein von mir gehört. Am meisten nervten mich aber meine Freundinnen, wenn eine von denen auswandern würde, würde ich täglich anrufen, mindestens wöchentliche Telefonkonferenzen mit allen organisieren und überhaupt, warum waren die noch nicht hier, ich hab hier verdammt nochmal niemanden. Und was sollten Adrian und ich mit der Bude machen, die wir gefunden hatten. Sie war traumhaft, aber woher sollte ich wissen, ob ich ab April 2000 Pfund im Monat verdiene, wenn mir seit Tagen nur nach schlafen war. Ich fühlte mich wie Carrie aus Sex and the City mit dem Russen in Paris in der 8. Staffel. Nur eben nicht in Paris, sondern im scheiß nassen London. Und eben nicht in kleinen fancy Cafés oder bei Dior, sondern abwechselnd bei Starbucks und im TK Maxx. Ich knüllte das Muffinpapier zusammen, zog meine Jacke an und ging aufs Klo, um auf einen Streifen zu pinkeln.

Ein paar Stunden später sitze ich nun hier auf dieser Bank im Park. Die Sonne kommt wieder raus, der Teich hat sich immer noch nicht geöffnet, aber als die junge Frau mit Kinderwagen von links aufsteht und geht, wirft sie mir ein Lächeln zu. Und ich blicke ihr mit meinem neuen verwirrten, schwangeren Blick hinterher. Leicht fragend, aber mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Freundschaft

­Das Inseltaxi rast die schmale Küstenstraße entlang, vorbei an all den gefährlich engen Stellen, die wir die letzten Tage noch zu zweit auf dem Moped entlang düsten. Juli sitzt schweigend neben mir. Ich spüre ihren Groll auf zehn Meter Entfernung. Uns trennt nur ein halber. Dementsprechend ist die Stimmung. Eine Stunde zuvor, pünktlich um acht Uhr früh, rollte der Wagen auf dem Camp ein, während ich noch ganz zerstreut meinen letzten Kaffee auf der Insel hinunterschüttete. Der gepackte Rucksack stand neben mir, die Rechnung von neun Tagen Strandbungalow war beglichen, es konnte losgehen. Ich sah sie von weiten auf mich zulaufen. Verwirrte, durchnächtigte, leicht wütende Augen schauen mich an. „Hast du den Schlüssel? Du wolltest doch auf mich warten?!“ Sie sieht echt fertig aus in dem Moment und ich fühle mich kurz schlecht. „Ich dachte, du hast einen zweiten. Sorry, ich wollte schon los.“ Ich zeige mit der Hand zur Rezeption. Mit einem letzten Versuch der jungen Thai in diesen Tagen etwas zu erklären, macht sie mit Händen und Füßen deutlich, dass sie nochmal in den Bungalow muss, um ihre Sachen zu holen. Als sie losmarschiert, bekomme ich meine bestellten eingepackten Mangos, erkläre dem Taxifahrer, dass wir noch auf sie warten müssen und setze mich in den Wagen. Vor uns meine letzten 24 Stunden Thailand, hinter uns vier wundervolle Wochen und seit gestern der erste große Streit.

Zwei Freundinnen aus der Grundschule. Sie aus der Klasse A, ich aus der C. In der Schule wird sich nur gegrüßt, wirklich kennen wir uns aus dem wöchentlichen Religionsunterricht, zu dem mich meine Mutter angemeldet hat, weil Gott es schon richten wird und ihre, weil sie christlich erzogen werden sollte. Bis ich mit 12 feststellen werde, dass man für die Kommunion getauft sein muss und ich nach der Beichte-üben-Stunde nicht mehr kommen darf, werden wir einmal die Woche nebeneinander sitzen und zuhören, wie Jesus übers Wasser gelaufen ist und seine Jünger das letzte Abendmahl bereiteten. Jedes Mal nach der Stunde steht Julis Oma mit einem kleinen Geschenk für sie vor der Kirche, um sie abzuholen, während ich alleine den Rückweg antret. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, wie wir uns kennengelernt haben, aber unsere Freundschaft war schon immer speziell. Vielleicht weil sie in meinen Augen immer das behütete Einzelkind war, deren Mutter ihr mit 16 Gogotanzstunden bezahlt hat, während ich mit meiner Geige in die Musikschule laufen musste. Ich habe sie nie ganz nah an mich rangelassen. Und auf der anderen Seite näher als alle anderen.

Mit 15 besuchte ich sie, um gemeinsam sexy Bilder für meinen ersten Freund zu machen. Zwei Mädchen, die sich in Slowmotion vor der Kamera küssen. Mit Spängchen im Haar, leichter Wimperntusche und kleinen Brüsten. Nach dem Shooting schlafe ich bei ihr und sie wird die erste Frau sein, mit der ich nackt nebenander liege und ihre Brüste streichel, während sie mit ihrer Hand immer weiter runter an mir wandert. Mein erstes Mal mit einer Frau, in ihrem großen Einzelkind-Obergeschoss-Doppelzimmer mit Pferdepostern an der Wand und Dildos im Nachtischschrank. Das ist Juli.

Jahre später werde ich mit ihr zum ersten Mal ins KitKat gehen und nochmal Jahre später sie zum ersten Mal auf eine Sadomaso-Silvester-Party wie aus „Eyes Wide Shut“ begleiten. Und nochmal Jahre später werden wir zusammen mit Eisesmiene in diesem Taxi auf Koh Chang sitzen und uns zum Hafen fahren lassen, um zurück nach Bangkok zu kommen, um meine letzten Stunden dieser großen ersten Asienreise einzuleiten. Das sind so einige erste Male.

Die Juli, die jetzt neben mir sitzt, ist kein verwöhntes Einzelkind, das haben die letzten Wochen gezeigt. Also warum verdammt macht sie jetzt nicht den ersten Schritt, ich meine, es sind meine letzten Stunden hier, das kann doch nicht in ihrem Sinn sein, dass unser gemeinsamer Trip so enden soll?!

Wenn ich was gelernt habe in den letzten Wochen, dann das man für sein Glück selbstverantwortlich ist. Das alles möglich ist, wenn man es nur angeht. Das Erwartungen krank machen und selbst aktiv werden glücklich. Die typischen Traveller-Erkenntnisse. Jetzt zollen sie ihren Tribut. Eine gute Zeit zusammen haben kann man mit vielen. Was eine wahre Freundschaft ausmacht, zeigt sich in Stress-Situationen. Also spreche ich sie im vollen Taxi auf der Rückbank an. Und wir fallen in eine lautstarke, schmerzvolle Diskussion und lassen ohne uns einmal anzuschauen alles raus. Scheiß drauf, was die acht anderen Insassen davon halten. Als wir eine halbe Stunde später am Hafen aussteigen, ist das Gröbste ausgesprochen. Es hat Kraft gekostet, wir setzen uns auf eine Treppe und spüren beide, dass es noch nicht geklärt ist. Juli steht auf, ich blicke mich nicht nach ihr um und denke nur, soll sie doch gehen. Zwei Minuten später setzt sie sich wieder neben mich, mit zwei Eisbechern in der Hand. „Hier, ich hab dich doch lieb, jetzt komm doch mal her.“ Wir fallen uns in die Arme. Wir sind also doch beide aufeinander zugegangen, jede auf ihre Art. Den ersten Schritt zu machen, wenn man nicht ständig in Streit leben will, was ich zu Hause gelernt hab und anderen Menschen durch kleine Gesten eine Freude machen, wie sie es von ihrer Oma gelernt hat. Wir steigen auf die Fähre, es kann weitergehen.

Auf dem Boot erfahre ich, was in ihren letzten Stunden passiert ist. Zusammen mit meiner Version der Geschichte erklärt sich, wie wir so aneinander krachen konnten. Vier Wochen zuvor hatte ich sie am Flughafen Bangkok abgeholt. Mein Thema seitdem war Adam aus Toronto, später Josh aus Vancoucer, nochmal später Christopher Allan aus Melbourne und wie sie noch alle hießen. Ihr Thema war die Doktorarbeit, die sie in Deutschland gerade abgegeben hatte und jetzt seit vier Tagen Khi, der Bamboo-Tätowierer von Koh Chang. Bei meinen Typen war sie eine gute Zuhörerin, bei Khi war ich bisher keine. Wir lernten ihn an einem Montag kennen, er saß vor seinem Tattoo-Studio und winkte uns zu. Stunden später ziert ein spontanes Strichmännchen-Geschwister-Tattoo meinen linken Fuß und ein geheimes an einer geheimen Stelle ihren Körper. Der geheimnisvolle, zugedröhnte Typ aus einem kleinen Bergdorf im Norden Thailands machte mächtig Eindruck bei ihr. Sie wollte ihn wiedersehen und wir verabredeten uns für den nächsten Abend. In dieser Zeit war ich schon menthal bei meinen letzten Stunden und fühlte alles als letzten Moment meines Trips. Rückfahrt-Nostalgie. Das Gefühl gerade jetzt erst richtig reingekommen zu sein, wo es schon wieder nach Hause geht. Als sie mit ihm am nächsten Abend loszog und ich allein im Club blieb und den Einheimischen die Shakira-Show gab, vergaß ich, dass ich zwei Abende zuvor mit einem Kanadier abgedüst und sie allein mit zwei Holländern zurückgelassen hatte und wurde ein bisschen sauer. Das Ganze verschärfte sich, als Khi sie am nächsten Tag im Camp überraschte und sie sich einen eigenen Bungalow mieteten. Wie konnte sie nur! Während ich nachmittags die Sachen packte, hörte ich sie nebenan stöhnen. Ich ging allein an den Strand, schrieb in mein Reisetagebuch, schloss Frieden, traf mich mit den anderen vom Camp zum Essen und Weintrinken und ging leicht aufgewühlt, aber friedlich schlafen, um sie am nächsten Morgen kurz vor der Abfahrt wiederzusehen. In diesen Stunden hatte sie die wildeste Sex- und Drogennacht und wünschte sich am nächsten Tag eine Freundin, mit der sie sich darüber austauschen kann und nicht eine, die schmollt.

Nachdem wir das Eis gegessen haben und uns auf der Fähre einen Platz in der Sonne gesucht haben, hat sie die auch wieder und erzählt. Wir liegen uns in den Armen, sie noch völlig im Rausch, ich wieder im Gleichgewicht und es geht zurück nach Bangkok.

Nudelsuppe

Ich sammle Schwänze. Schwänze von Typen aus dem Chat, Schwänze nach durchtanzten Nächten, Schwänze aus Beziehungen, Schwänze aus dem echten Leben. Ich hab von jedem ein Bild. Ich habe ein wunderschönes Schwanz-Fotoalbum. Was ich irgendwann veröffentlichen werde. Es sind so einige Prachtexemplare dabei. Komisch, dass sich das live fast nie so prächtig angefühlt hat.

Mädchen wollen auf Fotos grazil und dünn wirken. Die Typen, die mir ihre Schwänze geschickt haben, machten alles dafür, sie so lang und dick wie möglich zu präsentieren. Wie unterschiedlich wir doch sind.

Komisch, dass mir jeder von Euch seinen Schwanz geschickt hat. Irre, wie schnell das ging und wieviele Bilder im Laufe der Zeit zusammengekommen sind. Scheinbar habt ihr zu dem Zeitpunkt schon geahnt, dass unsere gemeinsame Geschichte ein Ende haben wird. Irgendwie, so scheint es mir, war es Euch dann wichtig, Euch und Euren Schwanz hart und standhaft in meiner Erinnerung zu verankern. Schade, wieviele davon im wahren Leben eingeknickt sind. Traurig, dass mich bisher keiner davon handeln konnte.  Unfassbar, dass es ausgerechnet die Kleinen waren, die am längsten drangeblieben sind. Hoffnungsvoll, dass es den einen großen Standhaften da draußen für mich geben wird.

Happy Birthday

Wenn wir beide mit 16 uns heute auf der Straße treffen würden, würden wir denken: Wow, die sehen unheimlich gut aus und voll selbstbewusst. Die wohnen bestimmt mit ihrem Freund zusammen in ner total schicken Wohnung irgendwo in der großen Stadt. Oder nee, vielleicht haben sie sich getrennt, weil das zwar zeitweise wirklich wundervoll war, aber c’mon das konnte doch nicht alles gewesen sein und jetzt machen sie voll ihr Ding. Man hey, die haben bestimmt gar keine Probleme so wie wir und bei denen läuft alles wie geschmiert. Die fahren irgendwo in Urlaub hin, wohin sie wollen, ohne, dass jemand meckert, machen ihren Master oder sich selbstständig, die eine da, die andere dort. Wow – hoffentlich wird sich bei uns auch alles so ergeben!

Familientreffen mit Hindernissen

Freitag Abend allein im Bett. Ich sehe diesen französischen Film von Julie Delphi. Eine große französische Familie trifft im Sommer zusammen. Alle laut, alles Querköpfe, alles durcheinander, Schläge, Essen, Regen, alte Omas, Schach-spielende Männer, meckernde Frauen.
Ich sehe diesen französischen Film und denke an die letzte Zeit. Das Jahr voller Arbeit und der großen Trennung. Überall nur ein Teil. Nirgendwo ein Ganzes. Und die letzten Tage bei der Familie mehr als desillusionierend.
Ich sehe diesen französischen Film und habe so unfassbar Angst. So einsam, wie ich mich seit einer Weile fühle, wie lang kann sowas gehen. Das Träumen von “dann”, wenn ich eine Gemeinschaft habe, meine eigene kleine Familie. Wann ist das. Es fühlt sich an, als würde täglich heiße Lava aus meinem Herzen fließen. Das Herz war so voller Lava, als ich vor zehn Jahren von Zuhause ausgezogen bin. “Bei mir wird alles anders laufen.” Das Herz ist so viel leerer geworden im letzten Jahr.
Ich sehe diesen französischen Film und denke an meine Familie, mit der ich all diese Sachen als Kind erlebt habe. 10 Enkel, die wöchentlich aufeinander treffen, Geburtstagsfeste im Garten mit der Hollywoodschaukel und dem großen Apfelbaum, nackig baden im See, Männer auf dem Fußballplatz, Frauen, die den Tisch decken, meine Cousine und ich, die sich auf der Wiese prügeln, die Kumpels von meinem Opa, die mit Bier bedient werden wollen, der Playboy-Kalender in der Garage, auf den wir heimlich mit Dartpfeilen zielen, das Luftgewehr, die Wiese, das Blumenbeet, der Tannenbaum vor der Tür, der immer größer wird, die Schlumperklamottenkiste für die Kinder zum Toben in der linken Tür neben der Garage, die Oma mit den langen dunklen Haaren, die Katzen, der Sandkasten, die klapprigen Fahrräder aus der Scheune, die Hühnersuppe, der alte Holzschlitten, der modrige Dachboden, die Kletterausflüge in der Sächsischen Schweiz, das Paddeln in der Wesnitz, das Rumstreunen im alten Pionierhaus, das Inlineskaten an der Elbe, die Bude im Hinterhof. Die Wiese, die Wiese, die Wiese.
Ich sehe diesen französischen Film und muss unfassbar weinen. Tausend Bilder von meiner Kindheit kommen mir in dem Kopf. Zu jedem Bild der Geruch, der Klang, die Farben, die Personen, die Erinnerung. Das Bild von meinem Schreibtisch im Kinderzimmer, auf dem ich überall kleine Notizen reingeritzt, unzählige Bilder gemalt, Geschichten aufgeschrieben, Kastanienfiguren gebastelt, Figuren geknetet, gefundene Dinge zusammengeklebt habe. Die Werbung von heute zeigt Kinder, die Bilder auf Ipads malen und ihren Eltern per Mail schicken. Mein 10 Jahre jüngerer Bruder hat seine Jugend auf Facebook verbracht. Ich verbringe den Freitagabend allein mit Laptop im Bett.
Ich sehe diesen französischen Film und habe so unendlich Panik, dass mir das Gefühl für das Leben da draußen entgleitet, dass mir nur die Sehnsucht danach bleibt und das Träumen vom “später”, vom “Wir”, wie es sein könnte, wenn es schon so wäre. Müde klappe ich den Laptop zu und schlafe ein und träume von Wiesen. Morgen werde ich mal wieder rausgehen.

Vollmond

Nach 14 Tagen auf der Insel ist es soweit. Und ich erlebe einen Traum. Fullmoonparty. Nach irrer durchtanzter Nacht sitzen wir ineinanderverschlungen beim Sonnenaufgang am Strand. Jack. Canadian Boy. Küsst mich. Küsst gut. Ich will wissen, wie es weitergeht. Später in seinem Hotel zieht er mich mit einem Selbstverständnis unter die Dusche, wie es sich jede Frau erträumt. Und in meinem Kopf? Tageslicht. Verschmierte Schminke. Licht. Ich bin mit keiner Sekunde auch nur bei ihm und diesem fantastischen Körper, der da vor mir steht. Ich bin nur bei mir. Und meinen Komplexen. Und verkrampfe, und verkrampfe, und verkrampfe. Wer erlebt schon, was ich erleben darf? Wo ist es hin das Gefühl von der Party, sie alle haben zu können. Die geilste Alte vom Strand zu sein. Während Jack noch alles versucht, dichte ich im Kopf ein paar Zeilen:

Verkrampfe nicht, genieße. Verheddere dich nicht in Gedanken, Liebe ist ein Spiel. Warte nicht und setze auf den Schritt von anderen, lehn dich zurück und sag, was du willst, wenn du es willst. Wünsch dir den Himmel und bekomme das Paradies. Wirf die Hände in die Luft, es geht voran.

Jack schafft es nicht, die Stimmung zu kippen. Ich glaube, nicht bereit zu sein, für das, was kommen könnte. Ich will nach Hause. Kann ich mir das entgehen lassen? Ich ziehe mich an, packe meine Sachen und verschwinde. Jack läuft mir hinterher. Begleitet mich zurück durch die engen Gassen vollgestopft mit den letzten Partywütigen, gibt mir einen letzten Kuss, den ich schon nicht mehr spüre, dreht sich nochmal um, ich bin schon längst die Treppen rauf.

Abschied

Du bringst mich dazu, selbstzerstörerisch zu sein. Dass ich mich verhalte wie eine Nutte. Du bekommst meinen Körper, meine Gefühle, meine Gedanken. Ich bekomme: deinen Schwanz. Irgendwann wenn du schläfst, werde ich ihn dir abschneiden. Und an einen da draußen weitergeben, der aufrichtig liebt und viel zu geben hat. Aber vorher werde ich ihn nochmal in den Mund nehmen. So schnell kann ich dann doch nicht Tschüß sagen, er und ich, wir haben uns schließlich sehr gemocht.